Ein Beitrag von Lucie Frahm (Q2). Dieser Artikel entstand im Rahmen des Leistungskurses Deutsch (Kursleitung: Fr. Lemme).

Hält man sich im urbanen Raum auf, so kann es durchaus vorkommen, dass man Gesprächsfetzen von Jugendlichen aufschnappt, die Formulierungen wie „Lass uns so Sport gehen“ enthalten. Hierbei handelt es sich um eine Variante der Jugendsprache, die allgemein als Kiezdeutsch bezeichnet wird. Seit geraumer Zeit erregt das Kiezdeutsch viel Aufsehen in der Öffentlichkeit und ist stark umstritten. Warum eigentlich?

Um die verschiedene Meinungen über das Kiezdeutsch nachvollziehen zu können, sollte man zunächst einmal begreifen, wie es entstanden ist und wodurch es gekennzeichnet ist.

Kiezdeutsch hat seinen Ursprung in städtischen Gegenden, in denen Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft und Sprachen aufeinandertreffen. Daraus haben sich neue Strukturen der Jugendsprache entwickelt. Laut der Sprachwissenschaftlerin Heike Wiese zeichnet sich Kiezdeutsch durch den geringen Einfluss anderer Sprachen ins Deutsche aus. Häufig werden einzelne anderssprachige Wörter in Sätze eingebaut. Ein Beispiel dazu wäre „Wallah“, das aus dem Arabischen und Türkischen stammt. Das Wort bedeutet so viel wie „Ich schwöre“ und wird somit häufig zur Verstärkung einer Aussage benutzt, wie z.B. „Wallah, der kann das!“ Ein zweites wesentliches Kennzeichen des Kiezdeutschen ist auch die veränderte Grammatik. Eine Formulierung wie „I(s)ch gehe Schule“ wäre ein gängiges Beispiel für die oft vereinfachten Formen, in denen mehrere Satzglieder ausgelassen werden. Der häufige Gebrauch von „so“, wie zum Beispiel in „Lassma so machen so“, dient der Ankündigung einer wichtigen nachfolgenden Information. Hierbei handelt es sich im Gegensatz zum vorherigen Beispiel um eine Erweiterung der Grammatik, da Wörter hinzugefügt werden.

Urbaner Dialekt oder doch nur Slang?

Über den Sprachgebrauch von Kiezdeutsch gibt es einige unterschiedliche Ansichten.

So ist Heike Wiese der Meinung, dass Kiezdeutsch ein urbaner Dialekt und somit eine akzeptable Variante des Standarddeutschen ist. Sie bezeichnet diese Variation der Jugendsprache als grammatische Innovation. Somit ist sie also der Meinung, dass Sätze wie „Isch mach dich Messer“ fortschrittlich sind. Wiese ist nicht davon überzeugt, dass es einen Sprachbegriff geben muss, der als Maßstab gelten sollte. Sie fordert vielmehr, dass Dialekte wie das Kiezdeutsch als gleichwertig angesehen werden. Würde Kiezdeutsch nicht akzeptiert werden, dann handele es sich Wiese zufolge um offenen Rassismus. Jedoch gibt es einige Kritiker, die ihre Ansicht keineswegs unterstützen. Matthias Heine, Feuilletonredakteur der „Welt“, ist der Meinung, dass Kiezdeutsch gerade dadurch, dass es ohnehin schon als Jargon bildungsferner Jugendlicher gilt, nicht zu viel Akzeptanz erfahren sollte. Heine kritisiert vor allem, dass Jugendlichen mit Migrationshintergrund oft die Fähigkeit abgesprochen wird, das korrekte Standarddeutsch zu lernen. Gerade dies bezeichnet er als eine Form von Rassismus. Ihm zufolge kann Kiezdeutsch nicht als gleichranging mit dem „normalen“ Deutsch betrachtet werden, da es lediglich die Standardsprache verfälscht. Ein anderer Kritiker von Wieses Theorie, der FAZ-Herausgeber und Feuilleton-Autor Jürgen Kaube, hebt außerdem hervor, dass Kiezdeutsch im Schul- oder Berufsalltag häufig ein Nachtteil sei. So sollen beispielsweise Bewerber, die bei Vorstellungsgesprächen Kiezdeutsch sprechen, benachteiligt werden. Es ist also in dieser Hinsicht keine Innovation, sondern eine unprofessionelle und wenig seriöse Sprachvariante. Helmut Glück, Germanistikprofessor aus Bamberg, unterstützt diese Ansicht und meint zudem, dass es zu erheblichen Schwierigkeiten kommen kann, wenn Jugendliche weder Standarddeutsch noch ihre Muttersprache richtig beherrschten. Laut Matthias Heine würden diese Jugendlichen auch häufig aus Spaß von anderen Jugendlichen imitiert werden, die das richtige Standarddeutsch sprechen können. Teilweise wird Kiezdeutsch folglich nur als Mittel zur Provokation benutzt.

Kiezdeutsch im Unterricht?

Ausgehend von beiden unterschiedlichen Standpunkten gibt es natürlich auch verschiedene Meinungen darüber, welche Strategien zum Umgang mit Kiezdeutsch geeignet wären. So bietet sich laut Heike Wiese die Behandlung von Kiezdeutsch im Unterricht an, da dadurch die Bereitschaft der Kiezdeutsch-Sprecher steigen könnte, sich intensiver mit dem Standarddeutschen auseinanderzusetzen. Einer ihrer Gegner, Jürgen Kaube, hält dies allerdings für eine schlechte Idee, die als Anstoß zum Erlernen oder Verbessern von Standarddeutsch nicht funktionieren würde. Dieser Meinung ist auch Matthias Heine, der meint, dass sie damit lediglich die Jugendlichen, die Standarddeutsche bereits beherrschten, über jugendliche Kiezdeutsch-Sprecher stelle. Sie würde damit implizieren, dass Migranten zu dumm seien, um allein das Standarddeutsch zu erlernen, und dadurch eine andere Art von Deutschunterricht benötigten. Dies wäre jedoch nur rassistisch und würde bezwecken, dass die Klassenunterschiede weiter vertieft werden.

Vermutlich wäre es sinnvoll, zu überlegen, inwiefern es wirklich effektiv wäre, sich in der Schule mit Kiezdeutsch auseinanderzusetzen. Sollte man es wirklich zum Bestandteil des Grammatikunterrichts machen, so würde es sich nur anbieten, wenn man die Unterschiede zum Standarddeutschen deutlich als Fehler kennzeichnet und die richtigen Ausdrucksweisen verankert, damit die Kinder mit dieser Methode auch wirklich die Möglichkeit haben, das Standarddeutsche besser nachvollziehen zu können.

Verwendete Quellen [Letzter Zugriff jeweils am 08.02.2018.]:
[1] Glück, Helmut (Interview: Lothar Schröder): Kiezdeutsch ist kein Dialekt. In: RP Online. URL: http://www.rp-online.de/kultur/kiezdeutsch-ist-kein-dialekt-aid-1.2801115
[2] Heine, Matthias: In Wahrheit ist Kiezdeutsch rassistisch. In: WELT.de. 30.06.2014. URL: https://www.welt.de/kultur/article129622721/In-Wahrheit-ist-Kiezdeutsch-rassistisch.html
[3] Kauber, Jürgen: Heute geh ich Diktat. In: FAZ.net. 28.02.2012.
URL: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatte-um-jugendsprache-heute-ich-geh-diktat-11664452.html
[4] Wiese, Heike: Kiezdeutsch rockt, ischwör! In: SPON. 29.03.2012.
URL: http://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/professorin-heike-wiese-verteidigt-den-jugendslang-kiezdeutsch-a-824386.html