{"id":1043,"date":"2018-09-20T22:43:37","date_gmt":"2018-09-20T20:43:37","guid":{"rendered":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=1043"},"modified":"2019-09-27T12:06:48","modified_gmt":"2019-09-27T10:06:48","slug":"othering-des-afrikanischen-kontinents-in-schulbuechern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=1043","title":{"rendered":"Othering des afrikanischen Kontinents in Schulb\u00fcchern"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ein Beitrag von <strong>Hanna Friederich<\/strong> (Q3). Der Text entstand im Rahmen der JGW Sch\u00fclerakademie 2018.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend der Schulzeit werden Kinder und Jugendliche entscheidend in ihrem Denken und Weltbild gepr\u00e4gt und beeinflusst. Daran sind sowohl Lehrer*innen als auch Lehrmaterialien beteiligt, Letztere erreichen jedoch wesentlich mehr Sch\u00fcler*innen als eine einzelne Lehrkraft. Das Bild, das dort etwa \u00fcber verschiedene Weltregionen vermittelt wird, hat somit Potenzial, konstitutiv daf\u00fcr zu sein, wie junge Menschen jene wahrnehmen.<br \/>\nVorurteile gegen\u00fcber afrikanischen L\u00e4ndern und Menschen werden vor allem vor dem Hintergrund aktueller Migrationsbewegungen h\u00e4ufig zum Problem und Ausl\u00f6ser rassistischer Diskriminierung. Deswegen soll im Folgenden gezeigt werden, dass der <strong>Kontinent Afrika<\/strong> in deutschen Schulb\u00fcchern \u201egeothert\u201c, d.h. auf wenige diskriminierende Stereotype reduziert, wird und die Folgen dessen problematisiert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zun\u00e4chst ist daf\u00fcr der Begriff des \u201e<strong>Otherings<\/strong>\u201c zu erl\u00e4utern. Die Politologin Saba-Nur Cheema beschreibt das Konzept in ihrem Essay \u201eOthering und Muslimsein\u201c wie folgt: <em>\u201e<\/em><em>Othering wird als eine machtvolle Abgrenzungspraxis definiert, die in gesellschaftlichen Diskursen sowie durch Sprache und Handlungen, die <\/em><em>\u201a<\/em><em>Anderen<\/em><em>\u2018 <\/em><em>in Differenz zu den <\/em><em>\u201a<\/em><em>Eigenen<\/em><em>\u2018 <\/em><em>hervorbringt. [&#8230;] Eine wesentliche Funktion ist die positive Hervorhebung der Eigengruppe [<\/em><em>\u2026<\/em><em>].<\/em><em>\u201c <\/em>(Cheema 2017: 23)<br \/>\nEssentiell f\u00fcr diese Abgrenzung und Abwertung sind die Stereotypisierung sowie die Homogenisierung bei der Schaffung der \u201eAnderen\u201c, denn nur so ist \u00fcberhaupt die Konstruktion zweier sich unterscheidender Gruppen m\u00f6glich.<br \/>\n\u201eOthering\u201c wurde als Konzept vor allem von den <strong>postkolonialen <\/strong><a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Theoretiker*innen Gayatri C. Spivak und Edward W. Said gepr\u00e4gt. Letzterer konkretisierte es auch in seinen Thesen zum Orientalismus, der stark pauschalisierenden und vorherrschaftlichen Darstellung des Orients aus westlicher Perspektive.<br \/>\n<em>\u201e\u00dc<\/em><em>ber den Prozess der Konstruktion der Anderen und die damit verbundene Diskriminierung und Abgrenzung erfolgen ebenso eine Selbstvergewisserung und Absicherung einer privilegierten Position sowie der hegemonialen Ordnung [<\/em><em>\u2026<\/em><em>]. <\/em><em>Dabei ist die Definition des Anderen notwendig zur Definition des Eigenen, Prioren und Normalen.<\/em><em>\u201c <\/em>(Riegel 2016: 53)<br \/>\nMan kann hier also von einer Abh\u00e4ngigkeit der \u201eOtherenden\u201c von den \u201eGeotherten\u201c sprechen, da das \u201eAndere\u201c konstitutiv f\u00fcr das \u201eEigene\u201c ist (vgl. Cheema 2017: 23).\u00a0 \u201e[&#8230;] [E]rst in der Abgrenzung zum \u201aAnderen\u2018 wird die machtvolle Eigengruppe konstruiert\u201c (ebd.: 23).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass der Prozess des \u201eOtherings\u201c auch bei der Darstellung des Kontinents Afrika in Bildungsmaterial zum Tragen kommt, wird beim Betrachten von Lehrb\u00fcchern deutlich. Schon ein Blick auf die Kapitel, in denen Afrika in Schulb\u00fcchern meist Erw\u00e4hnung findet, erlaubt Schl\u00fcsse auf das darin (re)produzierte Afrikabild: Eine Analyse der Konrad-Adenauer-Stiftung ergab, dass vor allem in Themengebieten wie dem der Vorgeschichte\/Steinzeit, des Alten \u00c4gyptens, des Imperialismus sowie der sogenannten &#8222;Dritten Welt&#8220; und damit einhergehenden Problemen \u00fcber den Kontinent und seine Geschichte informiert wird (Vgl. Poenicke 2001: 29). Die \u00e4gyptische Hochkultur wird dabei laut Rassismusforscherin Elina Marmer jedoch meist als Teil der wei\u00dfen, asiatisch-europ\u00e4ischen Welt dargestellt (Vgl. Marmer 2013: 29).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Kontinent erscheint also entweder unzivilisiert (Steinzeit) oder als Opfer (Imperialismus und &#8222;Dritte Welt&#8220;). Diese Opferrolle schafft laut Marmer ein Mitleidsgef\u00fchl und damit auch ein Gef\u00fchl der \u00dcberlegenheit (\u00a0vgl. Marmer 2013: 28).<br \/>\nIn den betreffenden Unterrichtseinheiten sind \u00dcberschriften wie \u201cKriege, Krisen, Krankheiten, Katastrophen, Kriminalit\u00e4t\u201d zu verzeichnen (glokal 13). Als Titel verwendet ruft diese Akkumulation schon beim Einstieg in die Thematik sehr einseitige, ausschlie\u00dflich negativ gepr\u00e4gte Assoziationen hervor.<br \/>\nAuff\u00e4llig ist in vielen Schulb\u00fcchern auch die h\u00e4ufige Darstellung von Afrika als primitiver Lebenswelt mit primitiven Bewohner*innen. \u201eEs sind \u201aeinfache\u2018 Menschen, die in \u201aeinfachen\u2018 H\u00fctten in \u201aeinfachen\u2018 Verh\u00e4ltnissen leben\u201c (Marmer 2013: 27). Auch der Begriff \u201eH\u00fctte\u201c selbst ist hierbei zu kritisieren, da er eine Andersartigkeit und Unterlegenheit zu den westlichen \u201eH\u00e4usern\u201c impliziert. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit den Paaren \u201eH\u00e4uptling\u201c \u2013 \u201eVorstand\u201c und \u201eStamm\u201c \u2013 \u201eVolksgruppe\u201c.<br \/>\nAuf Abbildungen sind Afrikaner*innen au\u00dferdem meist passiv dargestellt oder arbeiten klischeehaft auf Plantagen, w\u00e4hrend B\u00fcrogeb\u00e4ude oder \u00f6ffentliche Einrichtungen kaum gezeigt werden (vgl. Poenicke 2001: 28), was eine R\u00fcckst\u00e4ndigkeit des scheinbar l\u00e4ndlichen, unterentwickelten Afrikas zum vermeintlich urbanen und fortschrittlichem Westen vermittelt. Gesellschaftliche Probleme wie soziale Ungleichheit und sexistische bzw. rassistische Strukturen in Europa werden dabei genauso wenig erw\u00e4hnt wie positive Entwicklungen und Verh\u00e4ltnisse in afrikanischen L\u00e4ndern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es l\u00e4sst sich also sagen, dass bei der Darstellung des afrikanischen Kontinents in deutschen Schulb\u00fcchern Simplifizierung, Degradierung, \u00dcberbetonung von kulturellen Unterschieden und Zuschreibung von Opferrollen zu finden sind. Gleichzeitig werden kontr\u00e4re positive Bilder des Westens geschaffen und gefestigt, weswegen man hier von \u201eOthering\u201c sprechen kann.<br \/>\nDa die Texte und Abbildungen sehr einseitig berichten und \u00e4u\u00dferst wenige afrikanische Quellen selbst herangezogen werden, wird bei fehlendem Hinterfragen im Unterricht Raum f\u00fcr neue Stereotype und Verallgemeinerungen gegeben.<br \/>\nViele Lehrmaterialien reproduzieren demnach \u00fcber das Othering hinaus rassistische und kolonialistische Strukturen, was insbesondere bei Literatur f\u00fcr junge Menschen im Bildungskontext kritisch zu beleuchten ist, da diese tendenziell unhinterfragt als \u201eWissen\u201c \u00fcbernommen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Worterkl\u00e4rungen:<\/strong><br \/>\n<a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> \u201eDer Begriff <strong>Post\u00adko\u00adlo\u00adnia\u00adlis\u00admus<\/strong> bezeich\u00adnet eine breit gefasste [\u2026] intel\u00adlek\u00adtu\u00adelle Str\u00f6\u00admung, in der eman\u00adzi\u00adpa\u00adto\u00adrisch und ideo\u00adlo\u00adgie\u00adkri\u00adtisch ori\u00aden\u00adtierte [\u2026] Wis\u00adsen\u00adschaf\u00adfende [\u2026] began\u00adnen, die kom\u00adple\u00adxen Zusam\u00admen\u00adh\u00e4nge zwi\u00adschen \u00f6kono\u00admi\u00adscher, mili\u00adt\u00e4\u00adri\u00adscher und poli\u00adti\u00adscher Kolo\u00adni\u00adsie\u00adrung au\u00dfer\u00adeu\u00adro\u00adp\u00e4i\u00adscher Gesell\u00adschaf\u00adten [\u2026] auf\u00adzu\u00adar\u00adbei\u00adten.\u201c (Assmann et al 2014)<\/p>\n<p><strong>Verwendete Quellen\/Literatur:<\/strong><\/p>\n<p>Ass\u00admann, Corinna; Cube\u00adlic, Dan\u00adjiel; Grie\u00adsin\u00adger, Diana (2014): POSTKOLONIALISMUS.<br \/>\nURL: http:\/\/www.schwarzweiss-hd.de\/lexikon\/postkolonialismus\/<br \/>\n[Letzter Zugriff am 30.07.2018.]<\/p>\n<p>Cheema, Saba-Nur (2017): Othering und Muslimsein. In: Ausserschulische Bildung 2\/2017, 23.<\/p>\n<p>glokal e.V. (14.11.2013): Offener Brief an die Schulbuchverlage Westermann Schroedel Diesterweg Sch\u00f6ningh Winklers GmbH.<br \/>\nURL: <a href=\"https:\/\/www.mangoes-and-bullets.org\/offener-brief-an-die-schulbuchverlage-westermann-schroedel-diesterweg-schoeningh-winklers-gmbh\/\">https:\/\/www.mangoes-and-bullets.org\/offener-brief-an-die-schulbuchverlage-westermann-schroedel-diesterweg-schoeningh-winklers-gmbh\/<\/a> [Letzter Zugriff am 30.07.2018.]<\/p>\n<p>Marmer, Elina (2013): Rassismus in deutschen Schulb\u00fcchern am Beispiel von Afrikabildern. In: ZEP 2013 (2). Bamberg. 27 \u2013 29.<\/p>\n<p>Poenicke, Anke (2001): Afrika in deutschen Medien und Schulb\u00fcchern. In: Konrad-Adenauer-Stiftung (Hrsg.): Zukunftsforum Politik. 28 &#8211; 29.<\/p>\n<p>Riegel, Christine (2016): Bildung &#8211; Intersektionalit\u00e4t \u2013 Othering. P\u00e4dagogisches Handeln in widerspr\u00fcchlichen Verh\u00e4ltnissen. Bielefeld. transcript Verlag. 53.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag von Hanna Friederich (Q3). Der Text entstand im Rahmen der JGW Sch\u00fclerakademie 2018. W\u00e4hrend der Schulzeit werden Kinder und Jugendliche entscheidend in ihrem Denken und Weltbild gepr\u00e4gt und beeinflusst. Daran sind sowohl Lehrer*innen als auch Lehrmaterialien beteiligt, Letztere erreichen jedoch wesentlich mehr Sch\u00fcler*innen als eine einzelne Lehrkraft. 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