{"id":1108,"date":"2018-12-14T21:42:37","date_gmt":"2018-12-14T20:42:37","guid":{"rendered":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=1108"},"modified":"2019-04-04T15:19:15","modified_gmt":"2019-04-04T13:19:15","slug":"roman-eines-schicksallosen-von-imre-kertesz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=1108","title":{"rendered":"\u201eRoman eines Schicksallosen\u201c (von Imre Kert\u00e9sz)"},"content":{"rendered":"<p><em>Eine Rezension von <strong>Laura Visca<\/strong> (Q3).<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eAlle\u00a0 fragen mich nur nach \u00dcbeln, den <b>\u201aGr\u00e4ueln\u2018<\/b>: obgleich f\u00fcr mich vielleicht gerade diese Erfahrung die denkw\u00fcrdigste ist. Ja, davon, vom Gl\u00fcck der Konzentrationslager, m\u00fcsste ich ihnen erz\u00e4hlen, das n\u00e4chste Mal, wenn sie mich fragen.\u201c<\/em>\u00a0 (Kert\u00e9sz, Imre: Roman eines Schicksallosen. Berlin. 30. Auflage 2016. Originalausgabe 1975. S. 287.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/fichtenblatt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/141.-Cover-Roman-eines-Schicksalslosen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-1110\" src=\"https:\/\/fichtenblatt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/141.-Cover-Roman-eines-Schicksalslosen-181x300.jpg\" alt=\"\" width=\"181\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/fichtenblatt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/141.-Cover-Roman-eines-Schicksalslosen-181x300.jpg 181w, https:\/\/fichtenblatt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/141.-Cover-Roman-eines-Schicksalslosen.jpg 222w\" sizes=\"auto, (max-width: 181px) 100vw, 181px\" \/><\/a>Imre\u00a0 Kert\u00e9sz \u201eRoman eines Schicksallosen\u201c unterscheidet sich zutiefst von anderer Nachkriegsliteratur, denn\u00a0 er scheibt \u00fcber das, was er selbst als 14-J\u00e4hriger erleben musste, als er 1944 von Budapest nach Auschwitz und sp\u00e4ter nach Buchenwald deportiert wurde. Allerdings auf eine ganz andere, gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftige (an die man sich bis zum Ende des Buches nicht gew\u00f6hnt) und groteske Art und Weise. Wenn wir anfangen einen solchen Roman zu lesen, in dem Wissen, welche \u201eGr\u00e4ueln\u201c sich in den KZs abgespielt haben, dann tut es weh, ein KZ-Buch von einem Jungen zu lesen, der das nicht wei\u00df und auch nachdem er blo\u00df einen Tag in Auschwitz verbringen musste, um alles was sich dort abspielte zu verstehen, nicht anf\u00e4ngt das zu verurteilen. Diese schonungslose Neutralit\u00e4t und N\u00fcchternheit versteht man jedoch keineswegs als Verharmlosung. Diese N\u00fcchternheit eines Kindes beim Erz\u00e4hlen \u00fcber Gaskammern ist die schlimmste Form der Anprangerung. Und trotzdem f\u00e4llt es schwer, die Neutralit\u00e4t vielleicht sogar den Optimismus anzunehmen, weil wir (hoffentlich) so aufgewachsen sind, dass der Holocaust das dunkelste Loch der Menschheitsgeschichte war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als der j\u00fcdische Junge nach Auschwitz deportiert wird, ist er gerade mit seinen Freunden auf dem Weg zu seiner Arbeit in der R\u00fcstungsindustrie, in der er nun arbeitet, weil er die Schule nicht mehr besuchen darf. Erneut entsteht zwischen Leser*in und dem Erz\u00e4hler ein tiefes Gef\u00e4lle, denn einerseits, ist es f\u00fcr uns kaum aushaltbar zu erfahren, dass ein Kind nach Auschwitz kommen wird. Andererseits aber empfindet er die ganze Situation eher als am\u00fcsant. Als die Gruppe der ungarischen, deportierten Juden dann erf\u00e4hrt, dass sie nach Deutschland fahren, um zu \u201earbeiten\u201c, freut er sich sogar, in der Hoffnung die Welt kennenzulernen.\u00a0 Beim Ankommen in Auschwitz, berichtet Kert\u00e9sz von Frauen, die sich in der Eisenbahn \u201esch\u00f6n [\u2026] machen\u201c. Beim Lesen muss man ziemlich schlucken, weil Kerst\u00e9sz die Assoziation weckt, sie w\u00fcrden sich f\u00fcr Liebhaber zurechtmachen, obwohl sie die SS-M\u00e4nner erwarten. Dass bei der Zugfahrt von Ungarn nach Deutschland Menschen gestorben sind, weil sie kein Wasser bekommen haben, nimmt er einfach als gegeben Tatsache hin. Auch, dass sie ihr ganzes Hab und Gut abgeben m\u00fcssen, empfindet er als legitim. Wenn er dann das erste Mal die Gefangenen mit dem gelben Dreieck auf der Brust sieht, \u201ewar [er] so pl\u00f6tzlich doch irgendwie\u00a0 \u00fcberrascht; im Laufe der Reise habe [er] diese ganze Angelegenheit fast schon etwas vergessen\u201c. Beim Lesen ist man schon fast ein bisschen w\u00fctend, weil man seine Naivit\u00e4t nicht nachvollziehen kann und kurz darauf ist man sauer auf sich selbst, weil man nicht wei\u00df, ob man die Empfindung des Jungen \u00fcberhaupt anzweifeln darf. Wenn er dann die H\u00e4ftlinge mit ihren \u201eabstehenden Ohren, hervorspringenden Nasen, tiefliegende[n] winzigen Augen, die schlau funkelten\u201c beschreibt, macht er noch zus\u00e4tzlich den Kommentar, dass sie aussehen \u201ewie Juden, in jeder Hinsicht.\u201c Er will wissen, welche \u201eVerbrechen\u201c sie begannen haben. \u201eIch fand sie verd\u00e4chtig und insgesamt fremdartig\u201c. Diese, f\u00fcr den 14-j\u00e4hrigen Jungen, fremdartig wirkenden abgemagerten H\u00e4ftlinge in ihren gestreiften Anz\u00fcgen und abrasierten K\u00f6pfen, mahnten die ankommenden Jungen dazu, sich als 16 auszugeben und es zu verschweigen, falls irgendjemand ein Zwilling sei. Nat\u00fcrlich verstand er nicht wieso. Der*die Leser*in wei\u00df nat\u00fcrlich wieso und dadurch entsteht erneut so etwas wie ein Rollentausch von Leser*in und Erz\u00e4hler*in. Denn eigentlich ist es der*die allwissende Erz\u00e4hler*in, der*die Hinweise in einem Roman versteckt und nicht anders herum. Die SS-Soldaten beschreibt er als beruhigend und bewundert sie f\u00fcr ihre Ordentlichkeit. Allgemein ist der 14-j\u00e4hrige Junge sehr beeindruckt vom Bahnhof von Auschwitz und redet vom \u201eGlanz der Ebene\u201c. Erst nachdem er aus dem KZ befreit wurde, l\u00e4sst er diese Situation, das Ankommen in Auschwitz Revue passieren und schreibt, es seien zehn bis 20 Minuten, in denen sich entscheidet: \u201e[G]leich das Gas oder noch einmal davon gekommen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als er nach \u00fcber einem Jahr KZ wieder nach Budapest kommt, wird er sofort von einem Journalisten gedr\u00e4ngt, \u00fcber \u201edie H\u00f6lle\u201c, die er erleben musste, die er aber gar nicht als H\u00f6lle empfand, zu berichten. Stattdessen \u201eversuchte [er] ihm zu erkl\u00e4ren, wie es ist, an einem nicht gerade luxuri\u00f6sen, im Ganzen aber doch annehmbaren, sauberen und h\u00fcbschen Bahnhof anzukommen, wo einem alles erst langsam in der Abfolge der Zeit, Stufe um Stufe klar wird. Wenn man die eine Stufe hinter sich gebracht hat, kommt bereits die n\u00e4chste\u201c. In Kert\u00e9sz Roman werden die Stufen und das sehr geregelte Leben von einer zur n\u00e4chsten sehr deutlich umrissen. Und der Junge macht in seinem Buch sehr deutlich, dass die Zeitabfolgen \u00fcberlebenswichtig sind, da man, wenn bei der Ankunft schon alles w\u00fcsste, was einem bevorsteht, es nicht aushielte. Und erneut f\u00fchlt sich man als Leser*in schuldig daf\u00fcr, seine Blau\u00e4ugigkeit verurteilt zu haben. Da er die Zeit zum zentralen Aspekt des \u00dcberstehens macht und das ohne jede Wertung passiert, ist der \u201eRoman eines Schicksallosen\u201c wohl eines der einzigen B\u00fccher, die die Frage f\u00fcr die Nachwelt beantworten, wie man es aushalten konnte und eigentlich nie die Schuldfrage stellt. Denn er fand \u201emit der Zeit Frieden, Ruhe, Erleichterung\u201c. \u201eWenn es ihnen nicht passte, dann verpr\u00fcgelten sie mich h\u00f6chstens [\u2026], auch so gewann ich Zeit.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kert\u00e9sz kommt zu dem Schluss, dass es f\u00fcr ihn nichts bedeutet, Jude zu sein: \u201e[N]ichts, f\u00fcr mich nichts und urspr\u00fcnglich nichts, solange die Schritte nicht einsetzen\u201c. Er meint, es g\u00e4be blo\u00df gegebene Umst\u00e4nde und \u201ewenn es ein Schicksal gibt, dann ist Freiheit nicht m\u00f6glich: wenn es aber [\u2026] die Freiheit gibt, dann gibt es kein Schicksal\u201c. Er prangert also die Ansicht an, dass man als KZ-Insass*in zwar ein tragisches Schicksal, aber keine Freiheit gehabt habe. Und wenn man in Freiheit lebt, kann man kein tragisches Leben f\u00fchren. Da er sich dagegen wehrt, ist die Titelauswahl gekl\u00e4rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wieder in Budapest angekommen, verstand er die Lebensweise au\u00dferhalb des KZs nicht mehr und wollte es auch nicht. Er empfand Allem gegen\u00fcber nur noch \u201eHass\u201c und empfand \u201e ein schneidendes, schmerzliches, vergebliches Gef\u00fchl [\u2026] Heimweh\u201c (nach dem KZ).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kert\u00e9sz beendet seine Erz\u00e4hlung damit, dass er sein \u201enicht fortsetzbares Dasein fortsetzen\u201c w\u00fcrde, denn \u201ees gibt keine Absurdit\u00e4t, die man nicht\u00a0 ganz nat\u00fcrlich leben k\u00f6nnte, und auf meinem Weg, das wei\u00df ich schon jetzt, lauert wieder eine unvermeindliche Falle des Gl\u00fccks auf mich. Denn sogar dort bei den Schornsteinen, gab es in den Pausen zwischen den Qualen etwas, das dem Gl\u00fcck \u00e4hnlich war\u201c. M\u00f6glicherweise hat er Recht. Aber die Absurdit\u00e4t seines Romans, der von Leid, Hunger, dem Tod, Verbrechen und Schmerz handelt, \u00a0die er zwar nicht unbedingt affirmatiert, aber einiges davon als Gl\u00fcck beschreibt, ist definitiv eine Absurdit\u00e4t, die man nicht ganz nat\u00fcrlich lesen und verstehen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Imre Kert\u00e9sz Roman ist eine Antwort auf die Frage, wie man es im KZ ausgehalten haben kann. Nicht nur ausgehalten, sondern ein Leben leben konnte mit Ordnung, festen Abl\u00e4ufen und Menschen, die man mochte. Und zu diesen konnte z.B. auch ein SS-Arzt geh\u00f6ren, der einen vorl\u00e4ufig vor der Gaskammer bewahrte und als arbeitstauglich einstufte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Erz\u00e4hlung beginnt als \u00a0die eines naiven Kindes, dessen Blau\u00e4ugigkeit man beim Lesen kaum aush\u00e4lt. Das ist aber gerade das, was sein Werk so unterscheidbar macht: auch nachdem Kerstesz um die Systematik der KZs wusste und das Dritte Reich aufgekl\u00e4rt wurde, bleibt er seinem inneren, nichts B\u00f6ses ahnendem Kind treu und l\u00e4sst es durch nichts beeinflussen. Die Unbek\u00fcmmertheit und die ganz andere Perspektive machen es, dass man versteht, wieso er nicht blo\u00df als \u201eUnschuldiger\u201c angesehen werden will. Wenn man anf\u00e4ngt, das Buch zu lesen, \u00e4rgert eine*n zwar die Naivit\u00e4t, wenn er dann aber mit fortschreitender Zeit davon berichtet, dass er nichts mehr sp\u00fcrt, verk\u00fcmmert und er nicht mehr wieder erkannt wird, weil er so abgemagert war, dann bricht es einer*m das Herz, obwohl ich glaube, dass Kert\u00e9sz gerade diese Intention nicht verfolgte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Letzten Endes reiht sich ein Junge in ein System ein und probiert als guter H\u00e4ftling zu \u00fcberleben, wodurch ihm sein Leben als Befreiter weniger lebenswert als im KZ vorkommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der \u201eRoman eines Schicksallosen\u201c ist ein Buch \u00fcber das Schicksal des Autors, vor dem man nichts als Ehrfurcht vor seiner Leistung haben kann, uns auf schonungslos, sehr ehrliche, glaubw\u00fcrdige und unaufgeregte Art sein Leben als KZ-H\u00e4ftling n\u00e4her zu bringen und uns damit zu verletzen. Es ist definitiv lesenswert, auch wenn es keine leichte Kost ist. 2002 bekam Imre Kert\u00e9sz, berechtigterweise, f\u00fcr \u201eRoman eines Schicksallosen\u201c einen Literaturnobelpreis.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Rezension von Laura Visca (Q3). \u201eAlle\u00a0 fragen mich nur nach \u00dcbeln, den \u201aGr\u00e4ueln\u2018: obgleich f\u00fcr mich vielleicht gerade diese Erfahrung die denkw\u00fcrdigste ist. Ja, davon, vom Gl\u00fcck der Konzentrationslager, m\u00fcsste ich ihnen erz\u00e4hlen, das n\u00e4chste Mal, wenn sie mich fragen.\u201c\u00a0 (Kert\u00e9sz, Imre: Roman eines Schicksallosen. Berlin. 30. Auflage 2016. Originalausgabe 1975. S. 287.) 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