{"id":1114,"date":"2018-12-16T20:00:30","date_gmt":"2018-12-16T19:00:30","guid":{"rendered":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=1114"},"modified":"2019-04-04T15:18:58","modified_gmt":"2019-04-04T13:18:58","slug":"das-tagebuch-der-rywka-lipszyc","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=1114","title":{"rendered":"\u201eDas Tagebuch der Rywka Lipszyc\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Eine Rezension von <strong>Riana Bu\u00dfmann<\/strong> (Q3).<\/em><strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"https:\/\/fichtenblatt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/142.-Cover-Rywka-Lipszyc.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-1116\" src=\"https:\/\/fichtenblatt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/142.-Cover-Rywka-Lipszyc-181x300.jpg\" alt=\"\" width=\"181\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/fichtenblatt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/142.-Cover-Rywka-Lipszyc-181x300.jpg 181w, https:\/\/fichtenblatt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/142.-Cover-Rywka-Lipszyc.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 181px) 100vw, 181px\" \/><\/a>Rywka Lipszyc, ein j\u00fcdisches M\u00e4dchen, schreibt 1944 im Lodzer Ghetto ihr Tagebuch. Erst 2015 wird der einzige erhaltene Band in Deutschland unter dem Titel ,,Das Tagebuch der Rywka Lipszyc\u201c im J\u00fcdischen Verlag im Suhrkamp Verlag ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die damals Vierzehnj\u00e4hrige beginnt diesen Tagebuchband im Oktober 1943. Ihre Eltern, sowie kurz darauf zwei ihrer Geschwister hat sie bereits verloren und lebt nun mit ihrer j\u00fcngeren Schwester bei ihren Cousinen. Immer wieder beschreibt sie die Trauer und die Schuldgef\u00fchle, die sie seitdem plagen, da sie glaubt, die Deportationen ihrer Geschwister im Jahre 1942 h\u00e4tten verhindert werden k\u00f6nnen. All ihre Erlebnisse und Gef\u00fchle vertraut sie ihrem Tagebuch an und zeichnet so ein grausam genaues Bild des harten Ghettoalltags.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie beschreibt ihre Arbeit in einer N\u00e4herei, zahlreiche Begegnungen und ihre Versuche, sich trotz ihrer Situation weiterzubilden. Viel h\u00e4ufiger geht sie aber auf ihre Innenwelt ein, so dokumentiert sie die Auswirkungen der Umst\u00e4nde im Ghetto auf ihre pers\u00f6nliche Entwicklung. Immer wieder thematisiert sie die Verzweiflung und den herrschenden Hunger sowie ihre Bem\u00fchungen, eine eigene Identit\u00e4t zu entwickeln. Ein zentrales Thema dabei ist ihr Glaube an Gott. Sie ist streng j\u00fcdisch erzogen worden und versucht trotz Mangel und Entbehrungen, diesen Glauben auszuleben. Immer wieder betont sie, dass sie, trotz ihrer misslichen Lage, auf Gottes Hilfe vertraue und dankbar sei, J\u00fcdin zu sein. Auch ihre Best\u00fcrzung \u00fcber das Handeln einiger Personen kommt zum Ausdruck, denn die extremen Lebensbedingungen beeinflussen die soziale Ordnung und n\u00f6tigen viele zur Kriminalit\u00e4t. Neben den Eintr\u00e4gen an sich sind auch einige Briefe an Freundinnen beigef\u00fcgt, vor allem an ihre \u00e4ltere Freundin Surcia, die gewisserma\u00dfen Rywkas Mentorin ist und an der sie sich oft ein Beispiel nimmt. Insgesamt bem\u00fcht sie sich um einen regen Austausch unter Gleichaltrigen und besucht deshalb Lesezirkel und tauscht ihre Tageb\u00fccher mit Freundinnen, die ebenfalls schreiben, aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im April 1944 bricht das Tagebuch unvermittelt ab. Heute wei\u00df man, dass sie nach der Liquidierung des Ghettos in verschiedene Konzentrationslager deportiert wurde. Unter anderem nach Auschwitz und Christianstadt, wo sie Zwangsarbeit verrichten musste. Von dort aus wurde sie auf einen Todesmarsch nach Bergen-Belsen geschickt und erlebte dort die Befreiung des Konzentrationslagers. Kurze Zeit sp\u00e4ter verliert sich aber ihre Spur in L\u00fcbeck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor dem eigentlichen Tagebuch ist ein erl\u00e4uternder Aufsatz des Historikers Fred Rosenbaum angef\u00fcgt, der zwar das Verst\u00e4ndnis im Allgemeinen erleichtert, allerdings aufgrund seiner Anordnung an den Anfang, dem*der Leser*in Interpretationsm\u00f6glichkeiten vorwegnimmt. Auch weitere erl\u00e4uternde Texte von Verwandten, die ihre Erinnerungen an Rywka beschreiben, tragen zu einem klaren und differenzierteren Textverst\u00e4ndnis bei. Denn die Aufzeichnungen sind eine Aneinanderreihung von Beschreibungen, Emotionen, Eindr\u00fccken, Erinnerungen und Gedanken. Sie sind gekennzeichnet durch eine recht einfache und zum Teil chaotisch zusammengef\u00fcgte Sprache, die immer wieder von Ausrufen und Fragen durchzogen ist. Trotz dessen ist es insgesamt gut verst\u00e4ndlich, auch weil erl\u00e4uternde Fu\u00dfnoten hinzugef\u00fcgt wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insgesamt fand ich die Lekt\u00fcre sehr interessant, da man sich durch die detailgetreue Wiedergabe ein genaues Bild von den Umst\u00e4nden im am l\u00e4ngsten bestehenden Ghetto zu dieser Zeit machen kann. Zudem ist dieses Tagebuch einzigartig, da es einen Zeitraum abdeckt, zu dem es keine vergleichbaren Aufzeichnungen aus dem Lodzer Ghetto gibt. Auch ihre von religi\u00f6sen Aspekten beeinflusste Sicht auf die Dinge unterscheidet sich von anderen Tageb\u00fcchern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dennoch w\u00fcrde ich das Buch eher Leuten empfehlen, die sich wirklich f\u00fcr das Thema Holocaust interessieren, weil das Lesen durch ihren sprunghaften und unmittelbaren Erz\u00e4hlstil zum Teil etwas anstrengend ist, aber es ist ein bewegender Blick in die damalige Zeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Rezension von Riana Bu\u00dfmann (Q3). Rywka Lipszyc, ein j\u00fcdisches M\u00e4dchen, schreibt 1944 im Lodzer Ghetto ihr Tagebuch. Erst 2015 wird der einzige erhaltene Band in Deutschland unter dem Titel ,,Das Tagebuch der Rywka Lipszyc\u201c im J\u00fcdischen Verlag im Suhrkamp Verlag ver\u00f6ffentlicht. Die damals Vierzehnj\u00e4hrige beginnt diesen Tagebuchband im Oktober 1943. 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