{"id":1362,"date":"2020-02-04T21:09:57","date_gmt":"2020-02-04T20:09:57","guid":{"rendered":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=1362"},"modified":"2020-02-04T21:09:57","modified_gmt":"2020-02-04T20:09:57","slug":"effi-briest-und-madame-bovary-vergleich-zweier-textauszuege","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=1362","title":{"rendered":"\u201eEffi Briest\u201c und \u201eMadame Bovary\u201c \u2013 Vergleich zweier Textausz\u00fcge"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ein Beitrag von <strong>Carlotta Ge\u00dfler <\/strong>(Q1). Dieser Text entstand im Rahmen des Grundkurses Deutsch (Leitung: Frau Lemme).<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im folgenden Text werden die Gesellschaftsromane \u201eEffi Briest\u201c von Theodor Fontane und \u201eMadame Bovary\u201c von Gustave Flaubert auf deren inhaltliche Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Erz\u00e4hlstrategien der beiden Autoren analysiert und verglichen. Dabei wird der Fokus auf weiblichen Hauptfiguren in realistischen Romanen des 19. Jahrhunderts liegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMadame Bovary\u201c wurde im Jahr 1852 in Frankreich ver\u00f6ffentlicht und gilt unter anderem aufgrund der neuen realit\u00e4tsnahen Erz\u00e4hlweise als Meilenstein in der franz\u00f6sischen Literatur. Der*Die Erz\u00e4hler*in nimmt die objektive Perspektive ein, mit der er*sie das gesamte Geschehen \u00fcberblickt. Kommentarlos l\u00e4sst er*sie die geschilderten Personen agieren und sprechen. Trotz dieser Charakteristiken des Realismus lehnte Flaubert selbst es ab, seine Romane dieser Literaturepoche zuzuordnen. Die Handlung beruht auf wahren Ereignissen, dennoch l\u00f6ste sein Roman weitreichende Kritik aus. Flaubert wurde vorgeworfen, gegen die guten Sitten versto\u00dfen zu haben sowie den Ehebruch zu verherrlichen. Es kam sogar zu einer Anzeige. Ein Jahr sp\u00e4ter wurde er jedoch freigesprochen und sein Roman durfte unzensiert ver\u00f6ffentlicht werden. Die Protagonistin des Romans heiratet einen weitaus \u00e4lteren Mann, mit dem sie jedoch nicht gl\u00fccklich ist, weshalb sie sich langweilt und mehrere Aff\u00e4ren begeht. Auch die Geburt ihrer Tochter \u00e4ndert nichts an ihrem Leiden, weshalb sie schlie\u00dflich Selbstmord begeht.<br \/>\nKnapp 40 Jahre sp\u00e4ter, im Jahr 1895, ver\u00f6ffentlicht Theodor Fontane den Gesellschaftsroman \u201eEffi Briest\u201c. Die Handlung ist auf den ersten Blick sehr \u00e4hnlich, die Annahme, dass ein Roman die Vorlage f\u00fcr den Anderen war, ist nicht selten. Tats\u00e4chlich entstanden beide Romane jedoch unabh\u00e4ngig voneinander, doch beide l\u00f6sten weitreichende Reaktionen aus. W\u00e4hrend sich Flaubert jedoch heftiger Kritik ausgesetzt sah und seine Freiheit verteidigen musste, waren die Reaktionen zu \u201eEffi Briest\u201c weitgehend positiv. Die Hauptperson heiratet ebenfalls mit nur 17 Jahren einen mehr als doppelt so alten Mann und wird von der Rolle des Kindes nahtlos in die Rolle der Ehefrau geschoben. Auch sie langweilt sich und ist nicht zufrieden mit ihrem Leben. Sie begeht Ehebruch und geht letztlich an schlechtem Gewissen und Kummer zugrunde. Fontane gilt als Begr\u00fcnder des poetischen Realismus, ihm gelingt es, die harten Konsequenzen, die bei \u00dcbertretungen des Moralkodexes zu erwarten waren, elegant in einem Gesellschaftsroman zu thematisieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gemeinsamkeiten der beiden Romane werden schnell deutlich. Beide Protagonistinnen wachsen beh\u00fctet auf dem Lande auf und sind noch \u201ehalbe Kinder\u201c (Effi Briest) als sie mit einem deutlich \u00e4lteren Mann verheiratet werden. In beiden F\u00e4llen ist das Motiv f\u00fcr die fr\u00fche Hochzeit die Hoffnung auf gesellschaftlich h\u00f6heres Ansehen. Beide f\u00fchlen sich in ihrer Ehe unverstanden, lieben ihren Ehemann nicht und langweilen sich. Ihre Ehem\u00e4nner behandeln sie nur auf den ersten Blick gut, bei genauerer Betrachtung wird jedoch der Mangel von N\u00e4he, Gespr\u00e4ch, Austausch, Offenheit und Z\u00e4rtlichkeiten deutlich. Eine typische Szene zwischen Emma und ihrem Ehemann wird folgenderma\u00dfen beschrieben: \u201eEr kam sp\u00e4t heim (\u2026), wurde (er) von Emma bedient (\u2026) begab sich sodann zu Bett, legte sich auf den R\u00fccken und schnarchte\u201c. Eine \u00e4hnliche Situation, die die mangelnde Z\u00e4rtlichkeit und Liebe zeigt, wird auch in \u201eEffi Briest\u201c beschrieben: \u201eEs war fast zur Regel geworden, dass er (Innstetten) sich (\u2026) aus seiner Frau Zimmer in sein eigenes zur\u00fcckzog\u201c.<br \/>\nAu\u00dferdem wird, wenn auch umschrieben, die fehlende sexuelle Anziehungskraft zwischen den Eheleuten deutlich. Fontane beschreibt sie als \u201ewohlgemeinte(n), aber etwas m\u00fcde(n) Z\u00e4rtlichkeiten, die sich Effi gefallen lie\u00df, ohne sie recht zu erwidern\u201c. Flaubert umschreibt dieses Ph\u00e4nomen mit dem eben genannten Zitat, zu dem er hinzuf\u00fcgt, dass Emma \u201esich selbst in Liebesstimmung zu versetzten (versuchte)\u201c, was aber keinen Erfolg habe (\u201esie f\u00fchlte sich danach ebenso ruhig wie zuvor, und auch Charles schien daraufhin weder verliebter noch ergriffener\u201c). Hier wird die mangelnde Liebe direkt und offen angesprochen, w\u00e4hrend bei \u201eEffi Briest\u201c solche Thesen eher angedeutet werden, ohne sie direkt auszusprechen. Madame Bovary \u00e4u\u00dfert selbst diese mangelnde Leidenschaft zwischen ihr und ihrem Ehemann, so findet man folgende Aussage bereits im ersten Teil des Buches: \u201e\u00fcberzeugte sie sich m\u00fchelos davon, dass Charles\u2018 Leidenschaft f\u00fcr sie nichts \u00dcberm\u00e4\u00dfiges mehr habe\u201c. Effi auf der anderen Seite, die wenig Vergleichsmaterial hat, ist von der Liebe Innstettens ihr gegen\u00fcber \u00fcberzeugt: \u201eUnd er liebt mich\u201c. Dabei bem\u00e4ngelt auch sie die fehlenden Z\u00e4rtlichkeiten: \u201eNur einen Kuss k\u00f6nntest du mir geben. Aber daran denkst du nicht (\u2026) frostig wie ein Schneemann\u201c. Da beide keinen au\u00dferh\u00e4uslichen Berufen nachgehen, empfinden sie ihren Alltag als reizlos und \u00f6de (\u201eWie solle sie den Tag verbringen?\u201c, Effi Briest). Das ver\u00e4ndert sich auch nicht durch die Geburt ihrer T\u00f6chter. Um dieser Langeweile zu entfliehen, begehen beide Romanheldinnen Ehebr\u00fcche. Sowohl bei \u201eEffi Briest\u201c als auch bei \u201eMadame Bovary\u201c kommt dieses Vergehen erst Jahre sp\u00e4ter ans Licht und beide Frauen gehen an dem Ehebruch und dessen Folgen zugrunde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei genauerer Betrachtung der Romane werden jedoch auch die gravierenden Unterschiede deutlich. W\u00e4hrend Effi aus gutem Hause stammt, einen hohen gesellschaftlichen Stand genie\u00dft und dementsprechend \u00fcber ausreichend finanzielle M\u00f6glichkeiten verf\u00fcgt (zumindest durch ihre Eltern und sp\u00e4ter durch ihren Ehemann), geh\u00f6rt Emma dem einfachen B\u00fcrgertum an, w\u00e4chst auf einem Bauernhof auf und lebt in einer prek\u00e4ren finanziellen Situation. Die Ehem\u00e4nner der beiden Protagonistinnen entstammen ebenfalls grundlegend anderen gesellschaftlichen Schichten, auf der einen Seite steht Baron von Innstetten, der ein hohes gesellschaftliches Ansehen genie\u00dft (\u201eEr ist ja ein Mann von Ehre.\u201c) und als schlau und gebildet dargestellt wird. So sind die Hauptgespr\u00e4chsthemen der beiden Innstettens Arbeit und seine Meinung zu aktuellen politischen und wirtschaftlichen Geschehen (&#8222;meist die Zeitung in der Hand, sprach vom F\u00fcrsten (\u2026), von den Wahlen\u201c). Au\u00dferdem ist er ein Mann, der preu\u00dfische Tugenden besitzt und viel Wert auf Anerkennung und Ehre legt: \u201eund dass es ein Gl\u00fcck sei, (\u2026) einem Kreis vorzusehen, indem es noch Respekt g\u00e4be\u201c. Auf der anderen Seite steht Emmas Mann, der \u201enur\u201c Landarzt ist, eine flache Pers\u00f6nlichkeit besitzt und keinen Wert darauf legt, \u201esich zu benehmen\u201c. Dies wird deutlich im folgenden Zitat: \u201eEr zog seinen Gehrock aus, um es ich bequemer munden zu lassen (\u2026) z\u00e4hlte einem nach dem anderen s\u00e4mtliche Leute auf (\u2026), mit sich selbst zufrieden a\u00df er (\u2026) und schnarchte\u201c. Au\u00dferdem behandelt er Emma vielmehr wie eine Dienstmagd als wie seine Ehefrau (&#8222;wurde er von Emma bedient\u201c).<br \/>\nEin weiterer wesentlicher Unterschied ist, neben dem Land, in dem die Romane spielen, die Darstellung der beiden Frauen durch Fontane bzw. Flaubert. Emma wird als geldgierig und selbstbezogen dargestellt. Diese Wahrnehmung entsteht vor allem durch die neue personale Erz\u00e4hlweise, die auf Bewertungen verzichtet, aber trotzdem eine umfassende Einsicht in das Innenleben der Personen gew\u00e4hrt. Au\u00dferdem gibt sich Emma nicht mit einer Aff\u00e4re zufrieden, sondern betr\u00fcgt ihren Ehepartner gleich mit zwei anderen M\u00e4nnern. Der Ehebruch wird also nicht als \u201eUnfall\u201c beschrieben, sondern Emma ist ganz klar (Mit-)Schuldige, da sie sich von mehreren M\u00e4nnern verf\u00fchren l\u00e4sst. Effi jedoch wird als unschuldig und naiv dargestellt, die in die Rolle der Ehefrau hineingedr\u00e4ngt wurde, verf\u00fchrt wird und dementsprechend keine Schuld f\u00fcr ihr Vergehen tr\u00e4gt. Ihr Ehemann l\u00e4sst sie oft alleine, weshalb ihre Reaktion menschlich erscheint. Die unterschiedlichen Umst\u00e4nde der Aufl\u00f6sung der Ehebr\u00fcche tragen zus\u00e4tzlich dazu bei, dass mehr Leser*innen mit Effi als mit Emma sympathisieren.<br \/>\nFontanes Schreibstil wird insgesamt sehr positiv bewertet, wie folgendes Zitat von einem Literaturkritiker zeigt: \u201eDas Geflecht der Verweisungen durch beziehungschaffende Bilder und Gegenbilder, Allusionen und Parallelen (\u2026) \u2013 Fontane bedient sich ihrer so \u00fcberlegt wie \u00fcberlegen.\u201c Die Nutzung von verschiedenen Metaphern ist ebenfalls von zentralem Charakter, \u00fcber die Bedeutung der Schaukel und des Chinesen wird bis heute diskutiert. F\u00fcr die Zeit des Realismus ist au\u00dferdem seine neutrale Erz\u00e4hlperspektive typisch. Er beschreibt nur, was \u00e4u\u00dferlich wahrnehmbar ist und erz\u00e4hlt nicht aus der Perspektive eines Charakters. Es wird also beschrieben, wie die Figuren handeln und agieren, daf\u00fcr typisch ist die Nutzung reiner Dialoge, die in dem Roman \u201eEffi Briest\u201c h\u00e4ufig zu finden sind, dabei ist es leicht, die neutrale Erz\u00e4hlperspektive beizubehalten. (\u201e\u201aUnd wie alt ist eigentlich deine Mama?\u2018 \u201aAchtunddrei\u00dfig.\u2018 \u201aEin sch\u00f6nes Alter.\u2018\u201c).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotz gravierender inhaltlicher und sprachlicher Unterschiede weisen beide Romane eine zentrale Gemeinsamkeit auf: die Hauptrolle ist weiblich. Das ist besonders angesichts der Entstehungszeit eine Rarit\u00e4t und noch ungew\u00f6hnlicher ist, dass beide Frauen als Menschen mit komplexen Beziehungen, Gedanken und Bed\u00fcrfnissen dargestellt werden, sprich, au\u00dferhalb ihrer Rolle als Tochter oder Ehefrau, in der viele Frauen zu dieser Zeit gefangen sind. Sie werden facettenreich dargestellt, dabei werden auch negative Seiten beleuchtet. Sie werden also nicht idealisiert &#8211; im Gegenteil werden sogar schwere Vergehen (die Aff\u00e4ren) thematisiert und aufgrund der Inneneinsicht in die Gef\u00fchlswelt der Protagonistinnen f\u00e4llt es dem*r Leser*in leicht, diese Fehltritte zu verstehen, dabei wird an die Menschlichkeit appelliert. Dies ist als sehr progressiv zu bewerten. Sehr\u00a0 r\u00fcckst\u00e4ndig ist jedoch, dass beide ihre Ehre verlieren, indem sie den Ehebruch begehen. Sie haben diese Ehre somit nur in Bezug auf ihren Ehepartner und nicht so wie M\u00e4nner in Bezug auf andere Bereiche. Ihre Ehre ist also von ihrem Mann abh\u00e4ngig. Daneben erfolgen Beschreibungen immer noch innerhalb gefertigter Rollenklischees, die nicht weitergehend hinterfragt werden (\u201e\u2018Freilich ist das die Hauptsache \u201aWeiber weiblich, M\u00e4nner m\u00e4nnlich\u2018\u201c S.10, Effi Briest). Zudem erfolgen all diese Beschreibungen aus der Sicht von m\u00e4nnlichen Autoren, weshalb die wahre Gef\u00fchlswelt der Frauen ungekl\u00e4rt bleibt.<\/p>\n<p>Textnac<br \/>\n&#8211; Fontane, Theodor: Effi Briest. Hg. v. Wolf Dieter Hellberg. Reclam. Ditzingen 2017.<br \/>\n&#8211; Fingerhut, Margret\/ Schurf, Bernd (Hg.): Texte, Themen und Strukturen. Deutschbuch f\u00fcr die Oberstufe.\u00a0 Berlin: Cornelsen 2013. S. 348-351.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag von Carlotta Ge\u00dfler (Q1). Dieser Text entstand im Rahmen des Grundkurses Deutsch (Leitung: Frau Lemme). Im folgenden Text werden die Gesellschaftsromane \u201eEffi Briest\u201c von Theodor Fontane und \u201eMadame Bovary\u201c von Gustave Flaubert auf deren inhaltliche Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Erz\u00e4hlstrategien der beiden Autoren analysiert und verglichen. 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