{"id":1919,"date":"2022-08-23T22:28:40","date_gmt":"2022-08-23T20:28:40","guid":{"rendered":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=1919"},"modified":"2022-08-24T22:46:29","modified_gmt":"2022-08-24T20:46:29","slug":"die-flucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=1919","title":{"rendered":"Die Flucht"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Eine Kurzgeschichte <strong>eines:r Sch\u00fcler:in<\/strong> aus der 8. Klasse (2021\/2022). Dieser Beitrag entstand im Zuge des Deutschunterrichts.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wieder schrie sie mich an. Ich w\u00fcrde alles falsch machen. Falsch, dass ich keine Umarmungen mag. Falsch, dass ich nicht gen\u00fcgend Zeit mit ihr verbringe. Falsch, dass ich so bin, wie ich bin. Und ich hatte dieses Gef\u00fchl, dass ich sie zum Schweigen bringen muss. Mit Gewalt. Ich kenne dieses Gef\u00fchl. Ich hatte es schon zu oft. Jedes Mal st\u00e4rker. Ich war in meinen Gedanken und h\u00f6rte nicht mehr hin. Sie beschwerte sich ausf\u00fchrlich \u00fcber jede Eigenschaft meines Vaters. Sowie \u00fcber seine Freundin. Langsam, angespannt und voller Wut drehte ich mich um. Ging die Leiter zu meinem Bett hoch. Setzte meine Kopfh\u00f6rer auf. Immer lauter. Bis ich den Hass und die Wut nicht mehr h\u00f6rte. Bald schlief ich ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am n\u00e4chsten Morgen war die Situation angespannt. So wie immer. Ich beeilte mich, aus dem Haus zu kommen. Schnell lief ich zur Bushaltestelle und wartete. Ich war viel zu fr\u00fch dran, doch jede Minute, die nicht zuhause ist, ist eine freie Minute. Als der Bus kam, setzte ich mich erleichtert auf einen freien Platz. Auf die S-Bahn musste ich gl\u00fccklicherweise nicht lange warten. Beim letzten St\u00fcckchen Fu\u00dfweg brodelten die Gef\u00fchle von gestern Abend noch einmal hoch. Sie brodelten st\u00e4ndig in mir, immer st\u00e4rker, von Tag zu Tag. St\u00e4ndig habe ich das Gef\u00fchl, ich explodiere vor Wut, Hass und ein wenig Trauer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den ersten beiden Stunden hatten wir Deutsch. Ich schrieb einen Artikel. Beim Schreiben schweiften meine Gedanken immer wieder ab. Ich hasse diese Frau, warum muss ich mit ihr leben? Zu oft habe ich \u00fcbers Abhauen nachgedacht, doch nie durchgezogen &#8211; warum habe ich so viel Angst? Aber ich kann nicht allein leben, ohne Erziehungsberechtigten. Ich k\u00f6nnte nicht\u2026 Eine Stimme unterbrach mich und meinte, ich solle weiterarbeiten. Ich schaute auf mein Blatt und sah, dass ich kaum angefangen hatte. Ich verbannte meine schlimmen Gedanken in die hinterste Ecke meines Gehirnes. Und schrieb den Artikel zu Ende. In der Pause flohen die gr\u00e4sslichen Gedanken aus ihrem Gef\u00e4ngnis. Ich h\u00f6rte dem Gespr\u00e4ch meiner Freunde schon gar nicht mehr zu. Ich versuchte die Gedanken loszuwerden. Ich war so abgelenkt, dass ich nicht einmal merkte, wie sich meine Finger durch mein Pausenbrot bohrten. Irgendwer bemerkte es. Irgendwer sprach es laut aus. Meine eben noch in ein Gespr\u00e4ch verwickelten Freunde schauten erst auf mein Brot, dann auf mich. Ich erwachte aus meinen Gedanken und sah, was passiert war. Wir fingen alle an zu lachen. Ein Gef\u00fchl von Freude breitete sich wie eine Welle in meinem K\u00f6rper aus. Auf meinem Heimweg schwand die Fr\u00f6hlichkeit wieder und zuhause angekommen stand meine Mutter in der T\u00fcr und ich verdrehte die Augen. Nat\u00fcrlich so, dass sie es nicht bemerkte. Es war ein normaler Nachmittag, wie jeder andere. Voller Hass und Anspannung zwischen meiner Mutter und mir. Ich ging ihr aus dem Weg und meine Mutter schimpfte \u00fcber meinen Vater. Ich hielt es nicht mehr aus, nicht einmal ein Buch oder mein Handy konnten mich ablenken. Ich sp\u00fcrte, wie der Gedanke, zu verschwinden, immer st\u00e4rker wurde und \u00dcberhand gewann und die Angst nachlie\u00df. Doch ich sagte mir immer wieder, dass ich ohne Erziehungsberechtigten nichts machen k\u00f6nnte. Ein anderer Gedanke tr\u00e4gt auch bei, dass ich nicht schon weg bin. Und zwar, dass ich da jetzt durchmuss, dass, wenn ich abhaue, nur bezeugt, dass ich zu schwach bin f\u00fcr das Chaos zuhause. Au\u00dferdem wei\u00df ich nicht, wohin, was oder wer. Ich m\u00f6chte meine Freunde nicht verlassen. Beim Abendbrot war ich still, wie immer. Mein Bruder redete mit meiner Mutter, die dann wieder anfing, sich endlos \u00fcber meinen Vater zu beschweren. Und sich aufzuregen, dass ich so wenig rede. Nach dem Beenden des Essens ging ich sofort ins Bett und versuchte erfreuliche Gedanken zu fassen. Ich versuchte, meinen Hass zu b\u00e4ndigen. Ich redete mir selbst ein, dass ich das Monster bin, weil ich versuche, ihr aus dem Weg zu gehen. Ich bin das Monster. Ich. Etwas in mir protestierte, und konnte es nicht akzeptieren, dass ich das Monster sein sollte. Ich m\u00f6chte ihn loswerden. Zeichnen, zeichnen hilft immer. Ich zeichnete Zerst\u00f6rung. Meine Mutter sah es und wollte auf die Zeichnung fassen. Ich stoppte sie. Sie sagte, ich sei so aggressiv, bald w\u00fcrde ich anfangen, sie zu schlagen. Im Bett versuchte ich wieder, mir einzureden, dass es meine Schuld ist. Doch unbewusst wei\u00df ich immer, dass ich mich nie \u00fcberzeugen kann. Ich bin schuld, ich gehe ihr aus dem Weg. Aber sie ist erwachsen, sollte sie da nicht den ersten Schritt machen? Bin ich schuld? Ich versuche, meine Gedanken zu wenden, aber das Gef\u00fchl bleibt. Es wird f\u00fcr immer bleiben. Das ausgewaschene Gr\u00fcn meines T-Shirts spiegelte meine Gef\u00fchle wider. Meine Sicht wurde schwarz und ich schlief mit w\u00e4sserigem Auge ein. Mitten in der Nacht wachte ich auf und hatte dieses verzweifelte Gef\u00fchl wegzulaufen.<\/p>\n<p><em>Hinweis der Redaktion:\u00a0 Wenn du als Sch\u00fcler:in Hilfe brauchst, wende dich gern und vertrauensvoll an unsere Sozialp\u00e4dagog:innen (Frau M\u00fcller &amp; Frau Plazek, B\u00fcro in der MEB im Erdgeschoss), die Vertrauenslehrkr\u00e4fte oder deine Klassenleitung.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Kurzgeschichte eines:r Sch\u00fcler:in aus der 8. Klasse (2021\/2022). Dieser Beitrag entstand im Zuge des Deutschunterrichts. Wieder schrie sie mich an. Ich w\u00fcrde alles falsch machen. Falsch, dass ich keine Umarmungen mag. Falsch, dass ich nicht gen\u00fcgend Zeit mit ihr verbringe. Falsch, dass ich so bin, wie ich bin. 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