{"id":1922,"date":"2022-08-23T22:32:26","date_gmt":"2022-08-23T20:32:26","guid":{"rendered":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=1922"},"modified":"2022-08-23T22:32:26","modified_gmt":"2022-08-23T20:32:26","slug":"wo-die-grossen-wellen-waren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=1922","title":{"rendered":"\u201eWo die gro\u00dfen Wellen waren\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em>Eine Kurzgeschichte von <strong>Zoe F. Amey,<\/strong> 8c (2021\/2022). Dieser Beitrag entstand im Zuge des Deutschunterrichts (Fachlehrerin: Frau Schubert).<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die blassen gelben Sonnenstrahlen krochen langsam hinter dem Horizont hervor und versuchten, sich ihren Weg durch den mit Wolken besetzten Himmel zu bahnen. Die See war unruhig. Die Bewohner der K\u00fcste und des Meeres noch am Schlafen. Issys F\u00fc\u00dfe waren die einzigen, die feine Abdr\u00fccke in dem nassen, steinigen Sand hinterlie\u00dfen, als sie ihre Zehen in den kalten Untergrund grub und hinaus auf das aufgew\u00fchlte Wasser sah. Doch in ihren Gedanken war sie ganz und gar nicht allein. Die Stimmen ihrer Freunde schwirrten ihr durch den Kopf wie l\u00e4stige Fliegen. Du w\u00fcrdest das niemals schaffen! Das traust du dich doch gar nicht! Du bist nicht so gut wie wir! Au\u00dfen lie\u00df Issy sich nichts von ihrer Wut und Frustration anmerken. Sie wollte es ihnen beweisen, dennoch blieb ihre Atmung ruhig und gelassen, im direkten Gegensatz zu den tobenden Wellen dort drau\u00dfen. Nichts was sie nicht schon mal erlebt hatte. Ihr Haar peitschte ihr ins Gesicht und die Gischt spritzte bei jeder Ber\u00fchrung mit ihren F\u00fc\u00dfen. Ein Schritt weiter. Ein Schritt weiter zur Anerkennung, die sie verdient hatte. Das ausgiebig verzierte Brett unter ihrem Arm, das raue Material unter ihren Fingerkuppen, ihre warme Haut unter der enganliegenden Neoprenschicht, f\u00fchlten sich vertraut an. Langsam lie\u00df sie das Brett vor sich ins Wasser gleiten, bevor sie sich auf diesem platzierte. Der an ihrem Bauch anliegende Stoff kratzte leicht an der Oberfl\u00e4che des Brettes, als sie ihre Arme ins Wasser senkte. Den Kopf aufgerichtet setzte sie sich entschlossen in Bewegung. Dicke Tropfen trafen sie jedes Mal im Gesicht, wenn ihre H\u00e4nde die Wasseroberfl\u00e4che wie Pfeilspitzen trafen und ihre Arme das Wasser durchteilten, als h\u00e4tte sie scharfe Klingen an ihnen befestigt. Issys Blick war weiterhin nach vorne gerichtet. Sie musste weiter raus. Dorthin, wo die gro\u00dfen Wellen waren. Sie musste es den anderen zeigen. Beweisen, dass sie es konnte. Weiter k\u00e4mpfte sie sich voran. Das Rauschen des Meeres im Ohr und die nassen Haare im Gesicht. Immer den Blick zum Horizont gerichtet. Immer wieder musste sie gegen die kleineren Wellen ank\u00e4mpfen, um nicht zur\u00fcckgeschwemmt zu werden. Sie wartete. Sie suchte die Richtige. Sie w\u00fcrde schon kommen. Issy merkte, ihre Kraft schwand. Jede Welle raubte ihr St\u00e4rke und ein St\u00fcck ihrer Konzentration. Nicht aufgeben, durchhalten. Und dann war sie da. Wie ein bedrohliches Heer aus tausenden Kriegern st\u00fcrmte sie auf Issy zu. Das war ihre Chance. Die Welle rollte weiter aufs Ufer zu, ganz egal, was ihr in den Weg kam, sie walzte alles nieder. So sch\u00f6n und doch so gef\u00e4hrlich. Vorsichtig richtete Issy sich auf und schaute dem angsteinfl\u00f6\u00dfenden Monster nun direkt entgegen. Sie musste das schaffen. Sie konnte das schaffen. Sie wusste, sie konnte das schaffen. Issy holte einmal tief Luft und atmete die eisige Seeluft ein, welche sich stechend ihre Luftr\u00f6hre hinunter wand. Das Ungeheuer kam n\u00e4her. Nur noch wenige Meter dann w\u00fcrden die beiden aufeinandertreffen. Issy machte sich bereit. Das Wasser um sie herum w\u00fctete und wartete f\u00f6rmlich darauf, dass die beiden aufeinandertrafen. Issys Muskeln spannten sich an, ihre Arme dr\u00fcckten sie hoch und sie stemmte sich auf ihre Beine. Das Brett wackelte unter ihren F\u00fc\u00dfen, doch ihre ausgestreckten Arme hielten sie im Gleichgewicht. Die Welle b\u00e4umte sich unter ihr auf und mit der Seite ihres Brettes schnitt sie eine gerade Linie in die Innenwand, w\u00e4hrend sie weiter das Gleichgewicht hielt. Das tosende Wasser unter ihr und den frischen kalten Wind um ihre Ohren, schloss Issy die Augen. Sie hatte es geschafft. Sie konnte allen beweisen, dass sie es wert war. Sie war die Beste und niemand konnte ihr nun weniger Anerkennung schenken, als sie verdient h\u00e4tte. Niemand konnte Issy mehr sagen, was sie zu tun oder zu lassen hatte. Die Welle grollte. Das Wasser unter ihr bebte. Issys F\u00fc\u00dfe verloren den Halt. Erst der eine, dann der andere. Ihr K\u00f6rper schwankte und im n\u00e4chsten Moment begruben sie die wilden Wassermassen unter sich. Die pl\u00f6tzliche Kraft dr\u00fcckte sie tiefer und presste ihre Lunge zusammen. Sie bekam keine Luft. Sie brauchte Luft. Die Str\u00f6mung zog sie in alle Richtungen. Issy konnte sich nicht wehren. Sie war machtlos. Immer schwerer fiel ihr das Denken. Wo war oben, wo unten? Ihr Sichtfeld verschwamm. Ihre Augen fielen zu. Die Welle lie\u00df sie nicht entkommen. Issys Glieder wurden schwach und ihr K\u00f6rper begann zu sinken. Stille breitete sich in ihrem Kopf aus. Eine friedliche Stille. Alle Gedanken waren wie weggefegt. Doch der Wille eines menschlichen K\u00f6rpers nach Luft und Leben war noch immer da. Dieser einzige Gedanke schob sich in Issys tiefstes Unterbewusstsein. Er \u00fcberzeugte sie. Sie war es wert zu k\u00e4mpfen. Mit letzter Kraft und so gut wie keiner Luft mehr in der Lunge dr\u00fcckte sie sich in Richtung der schimmernden Wasseroberfl\u00e4che. Sie durchbrach diese, wie ein Flugzeug die Wolkendecke durchquert. Ihr K\u00f6rper schnappte nach Luft. Sie hatte es geschafft. Doch war es das Risiko wirklich wert?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Berlin, 27\/06\/22 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Kurzgeschichte von Zoe F. Amey, 8c (2021\/2022). Dieser Beitrag entstand im Zuge des Deutschunterrichts (Fachlehrerin: Frau Schubert). Die blassen gelben Sonnenstrahlen krochen langsam hinter dem Horizont hervor und versuchten, sich ihren Weg durch den mit Wolken besetzten Himmel zu bahnen. Die See war unruhig. Die Bewohner der K\u00fcste und des Meeres noch am Schlafen. 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