{"id":1965,"date":"2023-02-15T22:26:34","date_gmt":"2023-02-15T21:26:34","guid":{"rendered":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=1965"},"modified":"2023-02-15T22:26:34","modified_gmt":"2023-02-15T21:26:34","slug":"erziehung-nach-auschwitz-von-theodor-w-adorno","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=1965","title":{"rendered":"\u201eErziehung nach Auschwitz\u201c von Theodor W. Adorno"},"content":{"rendered":"<p><em>Ein Beitrag von <strong>Alma Kupferberg (12. Jahrgang)<\/strong>. Der Text entstand als Beitrag im Grundkurs geschichte Q4 (Kursleitung: Hr. Lang).<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der politisch-philosophische Radiobeitrag \u201eErziehung nach Auschwitz\u201c von Theodor W. Adorno <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, einer der wichtigsten Philosophen der Bundesrepublik in der Nachkriegszeit und Stichwortgeber der 1968iger Generation, befasst sich, wie der Titel bereits andeutet, gut zwanzig Jahre nach der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz mit der Aufgabe von Erziehung. Es ist ein p\u00e4dagogischer Text, der die Erziehung und die Erziehungswissenschaft ma\u00dfgeblich gepr\u00e4gt hat und bis heute besprochen und vielfach \u2013 auch von Politikern \u2013 zitiert wird. <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Adorno beginnt seine Ausf\u00fchrung mit einem klaren p\u00e4dagogischen Auftrag: \u201e<em>Die Forderung, da\u00df Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, da\u00df ich weder glaube, sie begr\u00fcnden zu m\u00fcssen noch zu sollen. Ich kann nicht verstehen, da\u00df man mit ihr bis heute so wenig sich abgegeben hat. Sie zu begr\u00fcnden h\u00e4tte etwas Ungeheuerliches angesichts des Ungeheuerlichen, das sich zutrug<\/em>.\u201c <a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Auftrag bezieht sich nicht allein auf ein abstraktes Ideal, sondern nimmt ein konkretes katastrophales Ereignis \u2013 die Vernichtung der europ\u00e4ischen Juden \u2013 als geschichtliche Grundlage auf, um \u00fcber eine Erziehung nachzudenken, die eben diese und vergleichbare Gewaltverbrechen zu verhindern hat: \u201e<em>Jede Debatte \u00fcber Erziehungsideale ist nichtig und gleichg\u00fcltig diesem einen gegen\u00fcber, da\u00df Auschwitz nicht sich wiederhole. Es war die Barbarei, gegen die alle Erziehung geht. Man spricht vom drohenden R\u00fcckfall in die Barbarei. Aber er droht nicht, sondern Auschwitz war er; Barbarei besteht fort, solange die Bedingungen, die jenen R\u00fcckfall zeitigten, wesentlich fortdauern.<\/em>\u201c <a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An diesem Zitat zeigt sich auch eine Bezugnahme auf zeitgen\u00f6ssische Ereignisse. Adorno spielt indirekt auf eine Vielzahl von antisemitischen Straftaten in den 1950iger Jahren an, die ihn, der selbst als Verfolgter des Nationalsozialismus ins Exil gehen musste, sehr beunruhigten. <a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dem Radiobeitrag geht es ihm nicht so sehr darum, \u00fcber die Opfer der Verbrechen zu sprechen, sondern dar\u00fcber, wie Erziehung und Sozialisation dazu beigetragen haben, dass dieser industrialisierte Massenmord stattfinden konnte. Er wendet sich den T\u00e4tern zu. <a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> In deren Sozialisation erkennt er das Ergebnis einer ideologischen Erziehung, die H\u00e4rte, H\u00f6rigkeit und Abh\u00e4ngigkeit seit dem Kleinkindalter forderte, hingegen Schw\u00e4che und \u00c4ngste verurteilte und verbot und Selbstst\u00e4ndigkeit in Handeln und im Denken unterdr\u00fcckt hat. Adorno greift hier auf psychoanalytische Konzepte Sigmund Freuds und Erich Fromms zur\u00fcck. Gerade letzterer und er selbst haben in den 1930iger und 1940iger Jahren das Konzept des \u201eautorit\u00e4ren Charakters\u201c herausgearbeitet: Kontrolle, Feindseligkeit, Empathielosigkeit, Gewaltbereitschaft, Unterw\u00fcrfigkeit und Abwertung von anderen Vorstellungen, Lebensweisen und Menschen sind einige Einstellungen, die diesem \u201eCharakter\u201c zu eigen sind und antidemokratische und diktatorische Herrschaft unterst\u00fctzen. <a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber nicht allein subjektiv und individuelle Faktoren f\u00fchrten, so Adorno, zu \u201eAuschwitz\u201c. Auch gesellschaftliche Bedingungen f\u00f6rderten die nationalsozialistische Gewaltherrschaft. Adorno nennt hier den seit dem Kaiserreich erstarkenden Nationalismus als Bedingung f\u00fcr Gewaltbereitschaft und die \u201eKollektivierung\u201c der Individuen. Auch die zunehmende \u201eTechnisierung\u201c vieler Lebensbereiche bewertet Adorno als problematisch, da diese die \u201eK\u00e4lte\u201c zwischen den Menschen forciere. <a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Adorno schlie\u00dft seinen Aufsatz mit der Feststellung und nimmt damit nochmals seinen ersten Satz auf: \u201eAller politische Unterricht endlich sollte zentriert sein darin, da\u00df Auschwitz nicht sich wiederhole.\u201c <a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der publizierte Radiobeitrag gibt wichtige Impulse f\u00fcr eine Erziehung zur Demokratie und befasst sich vor allem, aber nicht ausschlie\u00dflich, mit wichtigen gesellschaftlichen und vor allem psychologischen Faktoren. Er ist bis heute aktuell, weil einige Faktoren unter anderen historischen Bedingungen fortbestehen. Dazu geh\u00f6ren Abstiegs\u00e4ngste bzw. die Sorge vor Armut, das Erstarken von rechten Parteien, die diese Sorge ausnutzen und antidemokratisches und nationalistisches Denken popularisieren (vgl. die \u201eMontagsdemonstrationen\u201c, \u201eQuerdenker\u201c-Bewegung). Auch das Erstarken von Antisemitismus vor allem im Internet, des Rassismus und der Homophobie kann beobachtet werden. Des Weiteren benennt Adorno den technischen Fortschritt, der nicht nur positiv zu bewerten sei. Gerade in der Bildung und im Alltag sollte der Mensch Menschen begegnen, um W\u00e4rme, Solidarit\u00e4t und \u00fcberhaupt Freundschaft zu erfahren. Nur so entgehen wir der von Adorno erw\u00e4hnten \u201aK\u00e4lte\u2018 und \u201aH\u00e4rte\u2018.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik schreibt 2008: \u201eEs war \u2026 Adorno, der jenen Intentionen, die einer Erziehung und Bildung im Hinblick auf den Nationalsozialismus bis heute ihre bisher un\u00fcbertroffene Artikulation gegeben hat.\u201c <a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Weiterf\u00fchrung und Aktualisierung Adornos Forderungen, so Brumlik, bestehe darin, nicht nur \u201enach Auschwitz\u201c, sondern \u201e\u00fcber Auschwitz\u201c nachzudenken und das historische Wissen dar\u00fcber zu vermitteln. Adorno wurde, so kann gesagt werden, ein wichtiger \u201eStichwortgeber einer ganzen Generation von P\u00e4dagogen nach 1968.\u201c <a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> Diese haben ihre p\u00e4dagogischen Konzepte auf den Appell Adornos hin ausgerichtet. Damit hatte Adornos Vortrag besonders die zweite Generation gepr\u00e4gt, die ihr Wissen und ihren Auftrag an die dritte Generation weitergegeben hat. Ob dieser Auftrag weiterhin Bestand haben wird, wird sich in unserer Generation noch erweisen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wird sich Adornos Auftrag auch als Bestandteil unserer Generation erweisen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Der Essay wurde als Vortrag am 18. April 1966 im\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hessischer_Rundfunk\">Hessischen Rundfunk<\/a>\u00a0gesendet und 1967 im Band\u00a0<em>Zum Bildungsbegriff der Gegenwart<\/em>\u00a0abgedruckt. Vgl. online unter: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Erziehung_nach_Auschwitz\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Erziehung_nach_Auschwitz<\/a> (Zugriff am 20.Januar 2023).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Vgl. z.B. Ansprache des Pr\u00e4sidenten des Deutschen Bundestages, Wolfgang Thierse zur \u201eGedenkveranstaltung f\u00fcr die Opfer des Nationalsozialismus\u201c am 27. Januar 1999 im Deutschen Bundestag, online unter <a href=\"https:\/\/www.hagalil.com\/archiv\/99\/01\/thierse.htm\">https:\/\/www.hagalil.com\/archiv\/99\/01\/thierse.htm<\/a> (zugriff am 21.01.2023).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Theodor W. Adorno, Erziehung nach Auschwitz, in: ders., Erziehung zur M\u00fcndigkeit, Vortr\u00e4ge und Gespr\u00e4che mit Hellmuth Becker 1959-1969, hg, v. Gerd Kadelbach. Frankfurt am Main 1970, S. 88-104, hier S. 88.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Ebd., S. 88.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Steffen_Kailitz\">Steffen Kailitz<\/a>, Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland: Eine Einf\u00fchrung.\u00a0Springer VS, Wiesbaden 2004, zit. n.: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Erziehung_nach_Auschwitz\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Erziehung_nach_Auschwitz<\/a>, (Zugriff am 23.01.23)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Theodor W. Adorno, Erziehung nach Auschwitz, S. 90.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Theodor W. Adorno, Erziehung nach Auschwitz, S. 98.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Theodor W. Adorno, Erziehung nach Auschwitz, S. 100f.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Theodor W. Adorno, Erziehung nach Auschwitz, S. 104.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Micha Brumlik, \u201eDass Auschwitz sich nie wiederhole&#8230;\u201c P\u00e4dagogische Reaktionen auf Antisemitismus, online unter: <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/themen\/rechtsextremismus\/dossier-rechtsextremismus\/41277\/dass-auschwitz-sich-nie-wiederhole\/#:~:text=Frankfurter%20Sozialwissenschaftler%20Prof.-,Dr.,Erziehung%20%C3%BCber%20Auschwitz''%20ausmacht.&amp;text=Es%20war%20Theodor%20W.,bisher%20un%C3%BCbertroffene%20Artikulation%20gegeben%20hat\">https:\/\/www.bpb.de\/themen\/rechtsextremismus\/dossier-rechtsextremismus\/41277\/dass-auschwitz-sich-nie-wiederhole\/#:~:text=Frankfurter%20Sozialwissenschaftler%20Prof.-,Dr.,Erziehung%20%C3%BCber%20Auschwitz&#8220;%20ausmacht.&amp;text=Es%20war%20Theodor%20W.,bisher%20un%C3%BCbertroffene%20Artikulation%20gegeben%20hat<\/a> (Zugriff 21.01.23)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Vgl. \u201eErziehung nach Auschwitz in einer pluralen Gesellschaft\u201c, online unter: <a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/forschung\/erziehung-nach-auschwitz-in-einer-pluralen-gesellschaft\/\">https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/forschung\/erziehung-nach-auschwitz-in-einer-pluralen-gesellschaft\/<\/a> (Zugriff am 06.02.23).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag von Alma Kupferberg (12. 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