{"id":2108,"date":"2023-12-29T22:32:28","date_gmt":"2023-12-29T21:32:28","guid":{"rendered":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=2108"},"modified":"2023-12-29T22:32:28","modified_gmt":"2023-12-29T21:32:28","slug":"gendergerechte-sprache-ein-konstrukt-das-oft-missverstanden-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=2108","title":{"rendered":"Gendergerechte Sprache &#8211; ein Konstrukt, das oft missverstanden wird"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em><strong>Ein Kommentar von Alina N. G. (LK Deutsch Q1, Fr. Schubert)<\/strong><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jeder kennt es doch: Eine erneute Diskussion zur Gendersprache bei einer Familienfeier. Oma Ingrid behauptet, das Gendern sei Unfug und dieses \u201eEmpfindlichkeitsged\u00f6ns\u201c bringe doch gar nichts. Cousine Marie erwidert daraufhin ver\u00e4rgert, dass es beim Gendern darum ginge, die Realit\u00e4t abzubilden, denn es sei heutzutage eben nicht mehr richtig, dass W\u00f6rter wie \u201eChef\u201c nur m\u00e4nnliche Assoziationen hervorrufen w\u00fcrden, w\u00e4hrend das Wort \u201ePutzfrau\u201c die Vorstellung einer Frau erwecke. Tante Kristin hinterfragt ungl\u00e4ubig, ob Gendern eine solche Gleichberechtigung \u00fcberhaupt bewirken k\u00f6nne. Tats\u00e4chlich solle etwas in der Realit\u00e4t passieren, wie beispielsweise geschlechtsunabh\u00e4ngige Geh\u00e4lter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Debatte, in der sich die Gem\u00fcter wohl nicht mehr spalten k\u00f6nnten. Aber tats\u00e4chlich betrifft es die Jugend, die von einer solchen Sprachreform am meisten betroffen sein wird. Sollte also gendergerechte Sprache verpflichtend an Schulen gelehrt und angewendet werden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gendergerechte Sprache. Ein Konstrukt, das oft missverstanden wird. <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kritiker:innen der Debatte, wie Svenja Fla\u00dfp\u00f6hler, f\u00fchren an, dass eine solche Verpflichtung einen sehr schmalen Pfad herbeif\u00fchre, bei dem das Abweichen vom Mainstream einen gro\u00dfen Shitstorm f\u00fcr die Person bedeute. Schreibe ein:e Sch\u00fcler:in in einem Bericht im generischen Maskulinum &#8211; so wird die \u201enicht-gendergerechte\u201c Sprache genannt &#8211; so sei eine Hasswelle ein zu weit gegriffenes Mittel der Erziehung. Dies stimme zweifellos, allerdings g\u00e4be es seit jeher Grenzen in der Sprache, die nicht \u00fcberschritten werden durften, erkl\u00e4rt Stephan Anpalagan, ein deutscher Diplom-Theologe und Autor. Betrachten wir Debatten um W\u00f6rter wie das N-Wort, Z-Wort etc. so erkennt man deutlich: Sprachliche Grenzen sind kein Symptom einer empfindlichen Generation Z.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Verpflichtung zur gendergerechten Sprache b\u00fcrge in der Gesellschaft, aber speziell an Schulen die Gefahr einer Polarisierung, so wird weiter das eigentliche Potenzial der gendergerechten Sprache missverstanden. Das Aufdringen einer Sprachreform, so die Gegner:innen der Debatte, f\u00fchre nicht zu Akzeptanz, Toleranz und Verst\u00e4ndnis, sondern stattdessen zu einem Beharren auf der entgegensetzten Meinung. Eine Gefahr, die wir nicht bei der Erziehung der n\u00e4chsten Generation eingehen d\u00fcrfen? Doch, genau dies ist n\u00f6tig, um eine Gesellschaft zu formen, die nicht durch eine Monarchie der M\u00e4nner in der Sprache gepr\u00e4gt wird. Eine Verpflichtung der Gendersprache an Schulen verhindert sogar eine Polarisierung, indem jeder an eine neutrale Sprache herangef\u00fchrt wird. Bleibt das Gendern freiwillig, so droht eine Polarisierung, indem genderbef\u00fcrwortende Sch\u00fcler:innen genderablehnenden Sch\u00fclern gegen\u00fcberstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWeibliche Endungen zeigen doch nur, dass Frauen schutzbed\u00fcrftig sind.\u201c Ein Argument, das selbst Frauen wie die feministische Linguistin Luise Pusch anbringen. Feministen, die doch eigentlich selbst f\u00fcr die Geschlechtergleichstellung einstehen, lehnen Gendersprache ab. Absurd, nicht wahr? Die gendergerechte Sprache betone tats\u00e4chlich genau in den gesellschaftlichen Bereichen das Geschlecht, in denen dies zum heutigen Zeitpunkt nicht mehr n\u00f6tig sei. W\u00f6rter wie \u201eder Lehrer\u201c w\u00fcrden ebenso wenig nur M\u00e4nner wie \u201edie Person\u201c nur Frauen meinen. Grammatikalisch absolut korrekt. Tats\u00e4chlich beweisen unsere Assoziationen bei Personenbezeichnungen genau das Gegenteil, wie die Journalistin und Autorin Stefanie Lohaus erkennt. Wer stellt sich bei \u201eder Chef\u201c eine Frau vor? Niemand, genau. Und genau dort liegt das Problem. Nicht einmal davon die Rede, dass sich wohl noch weniger als niemand eine diverse Person vorstellen w\u00fcrde. Und dort liegt die Verantwortung der heutigen Erziehung. Durch gendergerechte Sprache Stereotypen und Vorurteilen die Luft abdrehen und eine Bildung schaffen, in der Diskriminierung keinen Platz findet. \u201ePutzfrau\u201c und \u201eKrankenschwester\u201c. An der Stelle merkt wohl jeder, dass W\u00f6rter geschlechtsspezifische Assoziationen hervorrufen. Damit sich Tom aber genauso vorstellen kann, (Achtung!) eine Pflegefachkraft zu werden wie Lisa, ist es wichtig, schon in der Schule eine gendergerechte Sprache zu etablieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Argument der Gegenseite, welches der Journalist und Schriftsteller Jan Weiler anbringt, das Ziel der Gleichstellung der Geschlechter werde nicht durch Sprache, sondern \u201ereale\u201c Reformen erreicht, wiegt schwer. Eine \u201ereale\u201c Gleichstellung h\u00e4tte R\u00fcckwirkungen auf die Sprache, so weiter. Die Gendersprache w\u00fcrde wohl weniger etwas daran \u00e4ndern, dass Ungleichheiten bei den Geh\u00e4ltern beseitigt werden. Dem w\u00fcrde wohl jeder zustimmen, egal ob Gender-Verfechter oder nicht. Aber um diesen direktkausalen Zusammenhang geht es auch gar nicht. Sprache ver\u00e4ndert das Denken. Diese Ver\u00e4nderung des Denkens bewirkt Reformen, wie gerade angesprochen beispielsweise im Arbeitswesen. Gendersprache schlie\u00dft andere \u201ereale\u201c Reformen nicht aus, sondern bietet die Grundlage genderneutralen Denkens. Dabei st\u00f6rt schon das Wort \u201ereal\u201c. Sprache ist \u201ereal\u201c, gendergerechte Sprache bewirkt \u201ereale\u201c Auswirkungen, denn Sprache ist das wichtigste Instrument gesellschaftlichen Zusammenlebens. Und dieses Denken sollte schon von Beginn an in der Jugend verankert werden. Ein Denken, welches in Zukunft endlich auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen zu einer Gleichberechtigung aller Geschlechter f\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur gendergerechten Sprache verpflichten, sei eine Bevormundung des Individuums, erl\u00e4utert der Komiker und Autor J\u00fcrgen von der Lippe. Ein solch negativ konnotiertes Wort, wenn man betrachtet, dass dieser so einfache, nicht einmal komplexe Prozess der sprachlichen Umgew\u00f6hnung Diskriminierung minimiert, Stereotypen entgegenwirkt und Menschen Geh\u00f6r verleiht, f\u00fcr die eine sprachliche Repr\u00e4sentation der erste Schritt in Richtung der vielen Privilegien von Frau und Mann bedeutet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn gendergerechte Sprache an unserer Sprache auf gro\u00dfen Widerstand trifft, so ist der Diskurs zu suchen, um die Ursachen zu erkennen. In den wenigsten F\u00e4llen stellt sich diese als Kritik an der Geschlechtergleichstellung heraus. Als Schulgemeinschaft besitzen wir eine offene Diskursethik, in der produktiv argumentiert wird. Als Schulgemeinschaft finden wir Kompromisse, in der sicher keiner durch eine Verpflichtung gendergerechter Sprache unterdr\u00fcckt wird. Als Schulgemeinschaft streben wir allerdings auch eine inklusive Sprache an, in der Diskriminierung keinen Platz findet.<br \/>\nUnd an genau dieser Stelle sollte sich jeder von uns einmal fragen: W\u00e4re die Umgew\u00f6hnung zu einer gendergerechten Sprache wirklich ein so gro\u00dfer Eingriff in unsere Freiheit?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Kommentar von Alina N. G. (LK Deutsch Q1, Fr. Schubert) Jeder kennt es doch: Eine erneute Diskussion zur Gendersprache bei einer Familienfeier. Oma Ingrid behauptet, das Gendern sei Unfug und dieses \u201eEmpfindlichkeitsged\u00f6ns\u201c bringe doch gar nichts. 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