{"id":2184,"date":"2024-09-29T23:38:47","date_gmt":"2024-09-29T21:38:47","guid":{"rendered":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=2184"},"modified":"2024-09-29T23:38:47","modified_gmt":"2024-09-29T21:38:47","slug":"liebe-rache-schicksal-medea-besuch-der-inszenierung-am-berliner-ensemble","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=2184","title":{"rendered":"Liebe \u2013Rache \u2013Schicksal&#8230; Medea &#8211; Besuch der Inszenierung am Berliner Ensemble"},"content":{"rendered":"<p><em>von <strong>Saniya Fu<\/strong> (LK De Q3, Fr. Schubert)<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kaum ein Name ruft so viel Faszination und Schrecken zugleich hervor. Kaum ein antiker Stoff hat \u00fcber die Jahrhunderte hinweg zu so vielen Deutungen angeregt wie der Medea Mythos, welcher in der Version des Trag\u00f6diendichters Euripides 431 vor Christus uraufgef\u00fchrt wurde und nun, etwa 2442 Jahre sp\u00e4ter, auch als inszeniertes Theaterst\u00fcck unter der Regief\u00fchrung von Mathias Thalheimer im Berliner Ensemble aufgef\u00fchrt wurde. Auf die Frage, ob man die moderne Theaterinszenierung des antiken Dramas als eine durchaus gelungene Theatererfahrung ansehen kann, habe ich nun eine Antwort. Bleibt dran!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Protagonistin Medea wurde von Jason verlassen, woraufhin ihr und ihren Kindern Verbannung droht. W\u00e4hrend Medea ihr \u00dcberleben sichern muss, erh\u00e4lt Jason durch die Heirat mit der K\u00f6nigstochter das definitive Bleiberecht. Zutiefst verletzt von diesem Verrat, entschlie\u00dft sich Medea aus Rache dazu, ihre gemeinsamen Kinder zu t\u00f6ten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu bewundern ist die Rolle Constanze Beckers, deren Darstellung der Medea sowohl intensiv als auch emotional ergreifend ist, wobei sie das Publikum durch ihre schauspielerischen F\u00e4higkeiten und ihre fesselnde Mimik in ihren Bann zieht. Auch die Nebenrollen wie die Rolle der Amme oder Jason sind hervorragend besetzt, wobei jede Figur ihre Rolle einzigartig verk\u00f6rpert und so das komplexe Geflecht von Beziehungen und Emotionen in der Geschichte zum Leben erweckt wird. Nichtsdestotrotz ist es fragw\u00fcrdig, dass der Chor der korinthischen Frauen ausschlie\u00dflich durch eine einzige Schauspielerin besetzt wurde (Bettina Hoppe), was keineswegs den Sinn eines Chors erf\u00fcllt. Demzufolge bleibt bedauerlicherweise auch das Einsetzen chorischen Sprechens aus, was im Ursprung ein bedeutendes Merkmal des St\u00fcckes darstellte. Dar\u00fcber hinaus verleiht Thalheimer der Frauenrolle eine neue Dimension, indem er eine Frauenfigur konzipiert, welche ihre Umgebung durch Intellektualit\u00e4t, Sch\u00f6nheit, rhetorische Kraft und k\u00e4mpferische Entschiedenheit \u00fcberragt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn man jedoch das B\u00fchnenbild genauer unter die Lupe nimmt, mehren sich bei mir pers\u00f6nlich Zweifel, ob die schauspielerischen Leistungen einzig und allein ausreichend sind, um dem Theaterst\u00fcck eine gute Note zu verleihen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dunkel, minimalistisch, karg\u2026 Schlagworte, die das B\u00fchnenbild der Theaterinszenierung auf den Punkt bringen. Auf der einen Seite habe ich zu Beginn angenommen, dass die reduzierte und sparsame Ausstattung an Requisiten den Fokus ausschlie\u00dflich auf die Schauspieler richten soll, was keineswegs abzustreiten ist. Jedoch wird durch die differenzierte Ebenenverteilung der Schauspieler eine gewaltige Kluft hergestellt, wodurch die Identifikation des Publikums mit den Schauspielern kaum m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hinzu kommt, dass die Figuren w\u00e4hrend der Dialoge keinen Augenkontakt halten, sondern stattdessen ihre Blicke gr\u00f6\u00dftenteils nach vorne richten und in einer \u201eeingefrorenen\u201c Position stehen bleiben, was Distanz und fehlende Interaktion ebenfalls verst\u00e4rkt. In diesem Zusammenhang ist es wichtig anzumerken, dass die Dialoge durch ihre verbl\u00fcffende L\u00e4nge und die fehlende Interaktion die Form eines Monologs annehmen, was definitiv zu kritisieren ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dadurch hat es im Verlauf des St\u00fccks den Anschein, als sei ein Erz\u00e4hler involviert, welcher das Geschehen und die Handlung von au\u00dfen beschreibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zudem wird ein k\u00fchler Lichtstrahl meist gezielt auf eine Person gerichtet, zum Gro\u00dfteil auf die Protagonistin Medea, wodurch der verbleibende Platz auf der B\u00fchne \u00e4u\u00dferst dunkel erscheint und die Schauspieler aus den hinteren Reihen des Publikums sowie aus den Logen nur schwer zu sehen sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insgesamt l\u00e4sst sich sagen, dass die Bewertung des Theaterst\u00fccks auf subjektiven Wahrnehmungen und Interessen basiert. F\u00fcr Liebhaber dunkler und emotionaler Inszenierungen ist das St\u00fcck \u201eMedea\u201c ein Muss, doch ich kann nur f\u00fcr mich sprechen, wenn ich sage, dass die moderne Inszenierung keinen Theaterbesuch wert ist!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Saniya Fu (LK De Q3, Fr. Schubert) Kaum ein Name ruft so viel Faszination und Schrecken zugleich hervor. 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