{"id":2189,"date":"2025-01-05T15:17:36","date_gmt":"2025-01-05T14:17:36","guid":{"rendered":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=2189"},"modified":"2025-01-05T15:17:36","modified_gmt":"2025-01-05T14:17:36","slug":"marie-traegt-vollbart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=2189","title":{"rendered":"MARIE TR\u00c4GT VOLLBART"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Eine Rezension von <strong>Alina Gelen<\/strong> und <strong>Saniya Fu<\/strong> (LK Deutsch Q3, Fr. Schubert).<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Am Berliner Ensemble ist B\u00fcchners Woyzeck ein psychisches Wrack. Ersan Mondtag verortet seinen Woyzeck in einen Bund der toxischen M\u00e4nnlichkeit.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An einem d\u00fcsteren Teich sitzt er, schlaksig, verirrt und mit gesenktem Kopf: Woyzeck. Der eiserne Vorhang hebt sich und gibt den Blick auf die Szenerie frei. Um eine Lagerfeuerstelle gruppieren sich ein paar einfache Zelte, rechts steht ein h\u00f6lzerner Hochstand, wie ihn J\u00e4ger benutzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Berliner Ensemble verortet Ersan Mondtag seinen Woyzeck in ein kleines Camp im Wald. Am 23.09.2023 war die Premiere dieses spannenden Experiments. \u201eUnd so taumelt Woyzeck \u2013 trotz seiner aufrechten M\u00fche, ein guter Mensch zu sein \u2013 am Ende Richtung Abgrund in einer Gesellschaft, die ihm keinen Halt im Leben gibt\u201c, erkl\u00e4rt der Regisseur und trifft so den Nagel auf den Kopf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine atemberaubende Szenerie, welche der Regisseur Ersan Mondtag selbst entworfen hat. Verbl\u00fcffend! Ein B\u00fchnenbild mit einer wahrhaftig schaurig schauerlichen Atmosph\u00e4re, welche die Tragik der Handlung treffend einf\u00e4ngt. Besonders ein kleiner Teich, an welchem die tragische Handlung ein grausames Ende finden soll, stellt ein grandioses Element im B\u00fchnenbild dar. Im Verlauf der Handlung ertrinkt der Teich f\u00f6rmlich selbst in einem Blutbad.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zwischen Pseudomoral und Ohnmacht<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Klug, den Arzt im Verlauf der Handlung Tiere ausweiden zu lassen. Zwar an der Grenze des Geschmacks, die pseudomoralische Rolle wird allerdings herrlich widerlich verk\u00f6rpert. Der Tambourmajor, der eine Aggressivit\u00e4t ausstrahlt, die selbst die Zuschauer:innen im Theatersaal ver\u00e4ngstigt. Selbstverliebt, aufgeblasen und einfach arrogant r\u00e4kelt er sich am See und zieht damit die Aufmerksamkeit Maries auf sich. Eine Turtelei, die von dem erschreckenden psychischen Zerfall Woyzecks begleitet wird. Verirrt, verwirrt, verloren. Die schauspielerische Leistung Maximilian Diehles in der Rolle des Woyzecks ist wahrhaftig ein Augenschmaus. Schade allerdings, dass die Bedeutung des sozialen Konflikts und des Frauenbilds vollkommen untergehen. Alle Figuren essen und singen abends gemeinsam am Lagerfeuer. Eine vermeintlich charmante Szene und willkommene Abwechslung zur sonstigen Tragik des St\u00fcckes. Doch passen tut sie nicht: Wo bleibt die gesellschaftliche Hierarchie? Die Arroganz und der \u00dcbermut des Hauptmanns, des Doktors auf der einen Seite; die erw\u00fcrgende Armut Woyzecks und Maries auf der anderen Seite?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ein Konzept an ihrer Grenze<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Marie tr\u00e4gt Vollbart. Zwar sind die Beweggr\u00fcnde Mondtags, das Augenmerk solle vor allem auf der m\u00e4nnlichen Toxizit\u00e4t im patriarchalen System liegen, nachvollziehbar. Dennoch erscheint es fragw\u00fcrdig. Denn so r\u00fcckt er zwar Woyzeck in das Spotlight des St\u00fcckes, muss allerdings aufpassen, die Bedeutung der Tat nicht zu relativieren, Stichwort Femizid. Mondtag allerdings entschied sich dazu, durch das m\u00e4nnliche Ensemble nicht explizit Gewalt gegen Frauen zu demonstrieren, sondern Gewalt gegen Menschen im Allgemeinen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Eine Interpretation, die alle Zahnr\u00e4der im Gehirn in Bewegung versetzt<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen Ende der Inszenierung treten alle Schauspieler in verformten \u201eK\u00f6rperanz\u00fcgen\u201c auf. Sonderbar und zun\u00e4chst unverst\u00e4ndlich. Ein Versuch, die verzerrte Wahrnehmung und den Realit\u00e4tsverlust Woyzecks darzustellen? Oder doch eher ein Versuch, die Verrohung der Gesellschaft, eine Unmenschlichkeit, zu illustrieren? Die Inszenierung Mondtags wirft zahlreiche Fragen auf, die Stoff f\u00fcr Diskussionen bieten. Und genau dies macht das St\u00fcck besonders: Neue Perspektiven, neue Interpretationen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Spotlight auf Woyzeck, Hubschrauberger\u00e4usche, eine herunterfallende Strickleiter. Der eiserne Vorhang verschlie\u00dft sich vor einem Publikum mit tausend fragendenden Gesichtern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Eine Achterbahn der Wahrnehmung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ersan Mondtags Woyzeck ist ein \u00e4u\u00dferst gesellschaftskritisches St\u00fcck, dass die Mitverantwortung der Gesellschaft an der Schuld des Individuums betont. \u201eEin psychisches Wrack\u201c, definitiv die richtige Beschreibung, um den durch Maximilian Diehle verk\u00f6rperten Woyzeck zu beschreiben. Ob gelungen oder nicht, langweilig wird einem beim Anschauen dieses Spektakels sicherlich nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Rezension von Alina Gelen und Saniya Fu (LK Deutsch Q3, Fr. Schubert). 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