{"id":2347,"date":"2026-06-21T17:46:35","date_gmt":"2026-06-21T15:46:35","guid":{"rendered":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=2347"},"modified":"2026-06-21T17:46:35","modified_gmt":"2026-06-21T15:46:35","slug":"immer-bei-mir","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=2347","title":{"rendered":"Immer bei mir"},"content":{"rendered":"<p>Von M.K. (8c)<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-2350 alignright\" src=\"https:\/\/fichtenblatt.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Bild-Immer-bei-mir_Polaroid-fobizz-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/fichtenblatt.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Bild-Immer-bei-mir_Polaroid-fobizz-300x300.jpg 300w, https:\/\/fichtenblatt.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Bild-Immer-bei-mir_Polaroid-fobizz-150x150.jpg 150w, https:\/\/fichtenblatt.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Bild-Immer-bei-mir_Polaroid-fobizz-768x768.jpg 768w, https:\/\/fichtenblatt.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Bild-Immer-bei-mir_Polaroid-fobizz-88x88.jpg 88w, https:\/\/fichtenblatt.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Bild-Immer-bei-mir_Polaroid-fobizz-816x816.jpg 816w, https:\/\/fichtenblatt.de\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Bild-Immer-bei-mir_Polaroid-fobizz.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Und da stand ich. Alles wirkte intensiver. Das grelle Licht, der stechende Geruch von Desinfektionsmittel, die quietschenden Schuhe der \u00c4rzte und die Krankenschwestern, die mit Medikamenten an mir vorbeihuschten. Und ich dazwischen, irgendwie, aber auch irgendwie nicht. Mein Herz pochte wie eine Waffe, die immer wieder schoss. Mir kamen die Tr\u00e4nen, aber nein, dachte ich, nicht jetzt, nicht hier.<\/p>\n<p>Ich versuchte zu laufen, aber meine Beine waren so schwer wie Blei. Ich erk\u00e4mpfte mir jeden Schritt vorw\u00e4rts, bis ich die Zimmernummer sah. Ich klopfte und \u00f6ffnete die T\u00fcr. Meine Lunge war kurz vorm Kollabieren, durch die acht Stockwerke und den kaputten Fahrstuhl. Aber die Angst, die war schmerzhafter als alles. Bin ich zu sp\u00e4t? Hat der Stau im Taxi alles gekostet, was ich wollte? Ihn das letzte Mal sehen?<\/p>\n<p>Irgendwie hatte ich Angst vor der Angst. Aber zum Gl\u00fcck war es noch nicht so weit, der Anblick war jedoch genauso grauenhaft. Da lag er im Bett, an Schl\u00e4uchen angeschlossen. Er sah aus wie ein Skelett mit Haut dr\u00fcber. Seine Mundwinkel verrieten mir, dass er unter Schmerzen litt. Ich trat weiter in den Raum, damit er mich ganz sehen konnte. Es entstand ein L\u00e4cheln.<\/p>\n<p>\u201eHi, wie geht&#8217;s?&#8220;, fragte er. Das fragte er mich? Warum war es ihm wichtig, wie es mir geht, wenn er fast im Sterben lag? \u201eIst ok&#8220;, antwortete ich, \u201edie \u00c4rzte haben gesagt, dass sie dir nicht mehr helfen k\u00f6nnen, Papa.&#8220; Das auszusprechen war schwer, aber ich musste es sagen. Die Tr\u00e4nen schossen mir erneut in die Augen, jedoch konnte ich sie nicht mehr zur\u00fcckhalten. \u201eWas f\u00fcr eine \u00dcberraschung!&#8220;, die Ironie in der Stimme meines Vaters war kaum zu \u00fcberh\u00f6ren. \u201eWei\u00dft du nicht, dass ich Krebs habe? Das haben sie mir schon vor drei Jahren gesagt, dass es nicht mehr lang dauern wird.&#8220; \u201eAber jetzt geht es dir schlechter, schlechter als je zuvor. Schlechter, als du es zugeben willst. Ich wei\u00df, dass du Schmerzen hast, aber du willst es nicht zeigen&#8220;, meine Stimme brach und meine Hand begann zu zittern. \u201eIch wei\u00df, dass ich nicht mehr viel Zeit mit dir habe.&#8220; \u201eAch, lass das jetzt. Ich wei\u00df, aber was soll ich machen? Weinen? Schreien?&#8220; Seine Antwort war kalt, aber ich wusste, was er meint. Was bringt es ihm? Es wird nichts an der Tatsache \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Es entstand eine Stille, die nur durch das Piepen des EKGs unterbrochen wurde. Ich dachte \u00fcber alles nach. Die letzten Jahre, die Zukunft, was soll ich jetzt machen? Weinen oder akzeptieren? Die Tr\u00e4nen liefen \u00fcber meine Wangen, als w\u00fcrde ein Fluss hinunterflie\u00dfen. Ich konnte nicht zusammenbrechen, sonst w\u00fcrde er sich Sorgen machen. Das wollte ich nicht. Ich wollte, dass er stolz auf mich ist, gute Erinnerungen an mich hat und wei\u00df, wie sehr ich ihn liebe.<\/p>\n<p>\u201eEs wird alles gut.&#8220;, sagte er, \u201eh\u00f6r immer auf Mama, okay?&#8220; Ich konnte nicht mehr antworten. Die Tr\u00e4nen entwickelten sich zu einem Schluchzen, bei dem man fast keine Luft mehr bekommt. Ich nahm seine Hand und dr\u00fcckte sie fest, als k\u00f6nnte ich ihn f\u00fcr immer festhalten. \u201eWas soll ich ohne dich tun, Papa? Was soll ich machen? Ich habe Angst, dich zu verlieren.&#8220; Vielleicht wollte ich keine Antwort, sondern nur seine Stimme h\u00f6ren, um kurz zu vergessen, dass ich das bald nicht mehr konnte. \u201eDu bist mein Kind, also kannst du das. Du hast meine Gene, vergessen? Au\u00dferdem bin ich immer hier&#8220;, sagte er, w\u00e4hrend er auf mein Herz zeigte. Es tr\u00f6stete, aber wie sehr? \u201eFr\u00fcher oder sp\u00e4ter w\u00fcrde ich eh sterben und wenn es in 20 Jahren w\u00e4re.&#8220; War das wirklich ernst gemeint? Er sagte es mit so einem Lachen, dass deutungslos schien. Mein erster Gedanke war: mehr Zeit. Ich h\u00e4tte mehr Zeit gehabt. Ich h\u00e4tte mit ihm fr\u00fchst\u00fccken k\u00f6nnen, ihm meine Fotos zeigen und ihm jeden Tag sagen, wie sehr ich ihn liebe. Aber dieses Fass wollte ich jetzt nicht \u00f6ffnen. Gib ihm einfach recht, auch wenn es Angst macht. Es ist egal. \u201eIch wei\u00df&#8220;, murmelte ich, \u201eich h\u00e4tte nur noch gerne mehr Zeit mit dir.&#8220; \u201eGlaubst du, ich nicht? Ich liebe dich \u00fcber alles, genauso wie deine Geschwister und deine Mutter. Aber so ist das Leben halt. Irgendwann wirst du es verstehen.&#8220; Die Frage ist wohl eher, ob ich es verstehen will. Ich holte mein Handy raus, ging auf meine Aufnahme-App und dr\u00fcckte Start.<\/p>\n<p>Wir unterhielten uns noch eine Weile, aber dann wollte er schlafen. \u201eHab dich lieb&#8220;, sagte ich und stand von der Kante des Bettes auf. \u201eIch dich auch&#8220;, antwortete er. Ich ging aus dem Zimmer und schloss die T\u00fcr. Ich nahm mein Handy, machte es an und wollte ein Taxi rufen, aber dann sah ich, dass die Aufnahme lief. Ich hab&#8217;s auf Band, dachte ich und mir kam ein L\u00e4cheln ins Gesicht, trotz meiner immer noch geschwollenen Augen. Ich begann nachzudenken. Vielleicht wird er gehen m\u00fcssen, aber <em>das<\/em> h\u00e4lt ihn immer bei mir. Immer in meinem Herzen. Mein t\u00e4glicher Begleiter wird wahrscheinlich auch die Angst sein, irgendwo, irgendwie in meinem Kopf. Die Angst, meine zw\u00f6lf Lebensjahre nicht genug genutzt zu haben, die Angst, jemanden zu verlieren, genau wie ihn. Ich denke, die Angst wird immer da sein. Immer bei mir.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von M.K. (8c) Und da stand ich. Alles wirkte intensiver. Das grelle Licht, der stechende Geruch von Desinfektionsmittel, die quietschenden Schuhe der \u00c4rzte und die Krankenschwestern, die mit Medikamenten an mir vorbeihuschten. Und ich dazwischen, irgendwie, aber auch irgendwie nicht. Mein Herz pochte wie eine Waffe, die immer wieder schoss. 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