{"id":2375,"date":"2026-06-21T19:39:28","date_gmt":"2026-06-21T17:39:28","guid":{"rendered":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=2375"},"modified":"2026-06-21T19:39:28","modified_gmt":"2026-06-21T17:39:28","slug":"diagnose-suchtkrank-der-kampf-gegen-heroin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=2375","title":{"rendered":"Diagnose Suchtkrank &#8211; der Kampf gegen Heroin"},"content":{"rendered":"<p>Ein Einblick in eine Stadtf\u00fchrung im Rahmen des SoR-Tages an der Fichte<\/p>\n<p>Von Linn Fischer<\/p>\n<p>\u201eIch war dann mit meinen beiden Freunden da im Hotel, der eine war Dealer. Abends kam ein chinesisches Paar vorbei, die richtig gutes Zeug dabei hatten. Sie wollten uns was als Geschenk anbieten, aber meine Freunde lehnten ab. Doch dann war ich kurz allein mit dem Paar und fragte sie, ob ich nicht was haben k\u00f6nnte. Mein Freund war ja sehr heroinabh\u00e4ngig und h\u00e4tte sich bestimmt gefreut. Aus irgendeinem Grund blieb etwas an meinem Finger h\u00e4ngen und ich probierte. Seit dem Tag war ich abh\u00e4ngig.\u201c<\/p>\n<p>Im Rahmen des SOR-Tages an der Fichtenberg-Oberschule nehmen heute, am 11. Juni 2026, Sch\u00fcler:innen des 9. bis 11. Jahrgangs an einer Stadtf\u00fchrung teil. Aber es ist keine ganz normale Touri-Rundf\u00fchrung. Unsere Stadtf\u00fchrerin ist n\u00e4mlich Petra Elten. Sie war 38 Jahre lang heroinabh\u00e4ngig und teilweise dann auch obdachlos. Durch die Organisation \u201equerstadtein\u201c kann sie ihre Geschichte nach drau\u00dfen tragen. Wie sie den Kampf gegen die Droge \u00fcberstanden hat, erz\u00e4hlt sie uns bei einer Stadtf\u00fchrung am Hauptbahnhof.<\/p>\n<p>Um 10 Uhr stehen wir vor einem gro\u00dfen Geb\u00e4ude von querstadtein. Als Petra kommt, werden erstmal noch die Kopfh\u00f6rer getestet. Nachdem sie sich kurz vorgestellt hat, entschuldigt sie sich bei uns, dass sie mit einer ganzen Mappe rumlaufen muss. Wegen ihrer Heroinabh\u00e4ngigkeit kann Petra sich nur noch ganz schlecht konzentrieren und ist sehr vergesslich.<\/p>\n<p>Nachdem sie uns etwas \u00fcber die Notunterk\u00fcnfte erkl\u00e4rt hat, f\u00fchrt sie uns ein St\u00fcck weiter um das Geb\u00e4ude herum. Dort berichtet sie \u00fcber ihren Einstieg in die Drogen. \u201eMein Vater war Auslandskorrespondent f\u00fcr eine deutsche Zeitung in \u00c4gypten. Als sich meine Eltern trennten, zog ich mit meiner Mutter und meiner kleinen Schwester nach Rom. Mit vierzehn Jahren bin ich dann zu Drogen gekommen.\u201c Petra berichtet, dass sie einfach nicht mehr zur Schule wollte. Nachdem sie dann ihren Realschulabschluss geschafft hatte, ging sie von zu Hause weg nach Amsterdam. Mit einem falschen Ausweis, der besagte, dass sie 18 war, kam sie dort bei Freunden unter.<\/p>\n<p>Etwas sp\u00e4ter kommen wir zum Hauptbahnhof. Petra erz\u00e4hlt, wie sie und ihr Mann hier recht friedlich gelebt haben, bis die Bandengruppen kamen. Ab da war der Bahnhof unsicher. Immer wieder gab es Bandenstreits, es wurde sehr viel geklaut und immer \u00f6fter gab es Zusammengeschlagene. Als Obdachlose f\u00fchlte sie sich machtlos. Irgendwann gab es dann eine riesige Pr\u00fcgelei zwischen zwei Banden. Es kamen unz\u00e4hlige Krankenwagen und Polizeiautos. An dem Tag konnte sie mit der Polizei sprechen, die ihr versicherte, dass sie immer mit Anklagen zur Polizei kommen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Als wir uns an die Spree setzen, berichtet sie \u00fcber ihren Einstieg ins Heroin. Als ein chinesisches Dealer Paar ihr Heroin anbietet, hat sie eigentlich nur ein wenig f\u00fcr ihren Freund mitnehmen wollen, doch dann probiert sie ein ganz bisschen selbst. Sie ist sofort abh\u00e4ngig. Noch aber nicht obdachlos. Etwas sp\u00e4ter heiratet sie ihren Freund, mit dem sie nach Italien zieht. Beide sind zu diesem Zeitpunkt schwer heroinabh\u00e4ngig. Trotzdem ist er Gesch\u00e4ftsmann und recht erfolgreich. Doch als er durch seine Abh\u00e4ngigkeit an Krebs stirbt, verliert sie alles. Petra wird obdachlos.<\/p>\n<p>F\u00fcr ein Drogenentzugsprojekt zieht Petra schlie\u00dflich nach Berlin. Aber sie h\u00e4lt das Programm nicht lange aus, zieht lieber auf die Stra\u00dfe. Doch als Obdachlose habe sie sich nie bezeichnet. Sehr ungern schl\u00e4ft sie auf den unsicheren kalten B\u00f6den Berlins. Dort lernt sie ihren sp\u00e4teren Mann kennen und durch einen Freund gelangen die beiden zu einer Wohnung mit betreutem Wohnen. Das bedeutet, dass die beiden einmal die Woche mit einem Betreuer sprechen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Petra erz\u00e4hlt, dass es in den 38 Jahren keinen Tag gab, an dem sie nicht clean werden wollte. Mehrmals versuchte sie es, mehrmals musste sie scheitern. Aber eine Option kam f\u00fcr sie nie in Frage: Sich als \u201esuchtkrank\u201c diagnostizieren zu lassen und den Rest ihres Lebens Heroin \u00e4rztlich verschrieben zu bekommen. Diese sogenannten Substitutionstherapien k\u00f6nnen verschrieben werden, weil Suchtkrank tats\u00e4chlich eine in Deutschland anerkannte Krankheit ist.<\/p>\n<p>Mit ihrem Mann verkauft Petra schlie\u00dflich Stra\u00dfenfeger-Zeitungen. F\u00fcr sie eine unglaublich erniedrigende Sache. Nach einiger Zeit stirbt auch ihr zweiter Mann durch Heroin an Krebs. Auf dem Sterbebett muss Petra eines versprechen: Clean zu werden. Und ein paar Jahre sp\u00e4ter schafft sie tats\u00e4chlich das Unm\u00f6gliche: \u201eAls h\u00e4tte sich ein Schalter in meinem Kopf umgedreht. Die ersten zehn Tage waren unglaublich schwer. Einmal war ich so schwach, dass ich zwei Tage hintereinander bei Freunden auf der Stra\u00dfe geschlafen habe, weil ich nicht mal mehr zu meiner Wohnung kam.\u201c<\/p>\n<p>Petra betont, dass man niemals erst mit Drogen anfangen sollte. Manche Leute reagieren besonders extrem auf Drogen und k\u00f6nnen gar nicht mehr damit aufh\u00f6ren, so wie sie. Andere probieren Drogen und gehen weiter, ohne dass sie s\u00fcchtig werden. \u201eAber man wei\u00df eben nie, welcher Typ man ist.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Einblick in eine Stadtf\u00fchrung im Rahmen des SoR-Tages an der Fichte Von Linn Fischer \u201eIch war dann mit meinen beiden Freunden da im Hotel, der eine war Dealer. Abends kam ein chinesisches Paar vorbei, die richtig gutes Zeug dabei hatten. Sie wollten uns was als Geschenk anbieten, aber meine Freunde lehnten ab. 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