{"id":368,"date":"2016-11-14T13:17:56","date_gmt":"2016-11-14T12:17:56","guid":{"rendered":"http:\/\/fichtenblatt.de\/?p=368"},"modified":"2018-02-26T16:04:09","modified_gmt":"2018-02-26T15:04:09","slug":"theaterkritik-rocco-und-seine-brueder-dnt-weimar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=368","title":{"rendered":"Theaterkritik: Rocco und seine Br\u00fcder (DNT Weimar)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ein Artikel von <strong>Resa<\/strong> (Q3)<u><\/u><\/em><\/p>\n<p>Ein Klassiker, der \u00fcberhaupt nichts mit klassischem Theater zu tun hat. Eine alte Geschichte, komplett neu erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">War die italienische Originalfassung 1960 zum Teil noch zensiert, ist die Neuinterpretation das komplette Gegenteil, sodass sich die Zuschauer*innen an so manchen Stellen die Frage stellen mussten, will ich das eigentlich sehen? Das St\u00fcck spielt mit Grenzen, nicht nur mit Schamgrenzen des*der Einzelnen, sondern vor allem mit Grenzen im Kopf &#8211; wie weit kann oder darf Theater gehen? Vor allem, wie politisch darf Theater eigentlich sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Geschichte von Rocco und seinen Br\u00fcdern, die von S\u00fcd- nach Norditalien zogen, um Arbeit, Gl\u00fcck, ein neues Leben und vielleicht auch eine neue Heimat zu suchen, erz\u00e4hlt von einem US-amerikanischen Immigranten, dessen Familie eigentlich aus S\u00fcdamerika kommt. \u00a0Bei diesem St\u00fcck ist alles ein wenig anders und unkonventionell. Rocco, gespielt von Fridolin Sandmeyer, ist zun\u00e4chst einer, der auf der B\u00fchne aufgrund seiner Rolle wenig auff\u00e4llt. Ein schm\u00e4chtiges Etwas, dem man wenig Beachtung schenkt, da man viel zu sehr mit seinem Bruder Simone, der vom rechten Weg abgekommen ist und dessen Rolle die ganze B\u00fchne und die Aufmerksamkeit der Zuschauer*innen einnimmt, besch\u00e4ftigt ist. Irgendwann gibt es einen Cut und die ganze Geschichte wandelt sich, auch ist man sich nicht sicher, ob die Schauspieler*innen nur eine weitere Rolle spielen oder von sich erz\u00e4hlen. Die eine auf Einladung der BRD als Russlanddeutsche nach Deutschland gekommen, der andere Schweizer mit jugoslawischen Wurzeln. In diesem Kontext ist es angebracht, den nach dem Jugoslawienkrieg zerfallen Staat zu nennen und nicht einen der Nachfolgestaaten wie beispielsweise Kroatien. Denn welchen Staat er nun seine Heimat nennt, wo er wirklich zu Hause ist, konnte der damals Jugendliche sich auch nicht beantworten. Er erz\u00e4hlt, dass er in den Ferien immer in dieses zu Hause gefahren ist, wo auch immer auf dem Balkan das war, um es wieder aufzubauen. Um nach den Ferien stets auf all die anderen in seinem Alter zu treffen, die sich nicht mit der Frage, was Heimat eigentlich ist, auseinandersetzen mussten und die sich nicht vorstellen konnten, was jetzt in ihm vorging. Alle Protagonisten*innen philosophierten in diesem Vakuum der Handlung, die wie eine Pause vom St\u00fcck war, dar\u00fcber was Heimat ist und erz\u00e4hlten alle ihre ganz eigenen Geschichten \u00fcber Heimat, die letzten Endes auch in jedem*jeder von uns steckt. Ob die ganzen Geschichten, die der Erz\u00e4hler Oscar Olivo immer wieder zwischendrin erz\u00e4hlt oder die die anderen Schauspieler*innen erz\u00e4hlen, auch zu 100% die ihren waren, wurde irgendwann irrelevant. F\u00fcr den Abend waren sie das auf jeden Fall. Und trotz der teilweise grenzw\u00e4rtigen Szene und der Antipathie, die einige Rollen auf der B\u00fchne mit sich brachten, war die schauspielerische Leistung grandios.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch das Zusammenspiel aus Schauspielerei, Oper, Musiktheater und filmischen Elementen wirkte so, als h\u00e4tte es auch auf der B\u00fchne schon immer zusammengeh\u00f6rt. Der Raum, der allen Rollen, egal wie gro\u00df sie waren, einger\u00e4umt wurde, sowie der tiefe Einblick in die Schauspieler*innen selbst, die an den Texten zum Teil mitgeschrieben haben, machte den Abend zu einem ganz ungew\u00f6hnlichen Theatererlebnis. Bei der Premiere herrschte Spannung im Saal &#8211; wie kommt das St\u00fcck an, sind die Grenzen der Zuschauer*innen \u00fcberschritten worden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><u>Mutig, innovativ, anders<\/u><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDu darfst keine Angst haben\u201c (Rocco, Hauptrolle), und das Ensemble sowie die k\u00fcnstlerische Leitung hatten keine Angst. Der Neu-Adaption lag ein geniales k\u00fcnstlerisches Konzept zugrunde. Gestern noch ein \u201eArbeiter-Epos\u201c, das von ganz unten erz\u00e4hlte, ist die Theateradaption ein ebenso gesellschaftskritisches St\u00fcck wie eine Abbildung der heutigen Gesellschaft. Das internationale Team, die auch auf der B\u00fchne teilweise ihre Muttersprache sprachen, rundete das Konzept ab. Doch war die Idee gewagt. Theater bei dem alle nur die H\u00e4lfte verstehen? Fast. Die Tatsache, dass auch das Publikum sehr gemischt war und somit die unterschiedlichen Leute auch den unterschiedlichen Sprachen folgen konnten, sorgte f\u00fcr Lacher und Verst\u00e4ndnis an unterschiedlichen Stellen, auf eine ganz besondere Art. Die einen verstanden eben Russisch, jedoch kein Spanisch. Bei anderen war das umgekehrt, jedoch sorgte diese Ausgewogenheit daf\u00fcr, dass es die unterschiedlichen Leute nicht nur ansprach, sondern zus\u00e4tzlich die Vielfalt des Publikums und jeder multikulturellen Gesellschaft widerspiegelte. Somit war das Theaterst\u00fcck auch ein Zusammenspiel mit dem Publikum. Und \u00a0mit den unterschiedlichen Erfahrungen, die nicht nur die Schauspieler*innen, sondern alle Menschen in ihrem Leben gemacht haben, und in Anbetracht der jetzigen politischen Stimmung in Bezug auf Heimat ging das Ensemble des DNT gemeinsam mit den Zuschauer*innen der Frage nach, die beinah metaphysischen Charakter hat. Was ist \u00fcberhaupt Heimat?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das St\u00fcck geht von der Reflexionsf\u00e4higkeit seiner Zuschauer*innen aus, ohne diese es missverstanden oder \u00fcberhaupt nicht verstanden werden k\u00f6nnte. Es geht nicht nur reflexiv mit unserem individuellen Heimatbegriff um, z.B. durch historische sowie L\u00e4ndervergleiche. Zus\u00e4tzlich reflektiert es auch \u00fcber unsere jetzige gesellschaftliche\u00a0 Lage in der BRD, die u.a. durch den starken Rechtsruck doch bedenkliche Tendenzen annimmt. Einziger Kritikpunkt dabei ist, dass zum Ende des St\u00fcckes ein filmisch aufgearbeiteter Dialog zwischen Rocco und seiner gro\u00dfen Liebe, Nadia, die vorher mit seinem Bruder Simone ging, gespielt von Simone M\u00fcller, im Gro\u00dfformat gezeigt wurde und er sie \u00fcberredet, dass es das beste sei, zu Simone zur\u00fcckzukehren. Dies obwohl sie ihm ihre Liebe gesteht und ihn fragt: \u201eWa,s wenn ich das nicht will?\u201c Ihm ist das egal, denn Familie kommt vor der Liebe und wenn Nadia (die gro\u00dfe Liebe) daf\u00fcr sorgen kann, Simone in die richtige Spur zu bringen, sei sie dieses Opfer wert. Nadia, eine vielschichtige Person, die ihren K\u00f6rper ihr Leben lang verkaufen musste, um \u00fcber die Runden zu kommen, dachte in Rocco jemanden gefunden zu haben, der sie auff\u00e4ngt und sch\u00e4tzt. Wieder einmal wird mit der Frauen*figur letzten Endes leider nur gespielt. Zuerst als Objekt, die mit zwei der Parondi Br\u00fcder hat laufen hat und sich prostituieren muss, um der Armut zu entfliehen. Sp\u00e4ter als eine Person, die keine Entscheidungsmacht \u00fcber sich selbst besitzt. Letzten Endes wird sie im Film und im St\u00fcck von Simone, den sie ja irgendwo emotional retten sollte, ermordet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, der Film kommt aus den 60er-Jahren, wo Frauen*- und Selbstbestimmungsrechte nur wenig vorhanden waren und sich vieles erst noch erk\u00e4mpft werden musste. Auch sind Frauen* bis heute keine gleichberechtigten Individuen, was u.a. an der Genderpay-Gap oder der \u201eNein-hei\u00dft-Nein!\u201c\/\u201cNur Ja hei\u00dft Ja\u201c-Debatte, um die Versch\u00e4rfung des Paragraphen, der bei sexueller N\u00f6tigung greift, gef\u00fchrt wird, zu sehen ist. Aber, durch die Darstellung der h\u00f6rigen Frau, die nicht selber entscheiden kann delegitmiert sich das St\u00fcck leider ein st\u00fcckweit selbst. Denn bis auf diesen Punkt ist es durchweg ein reflektiertes St\u00fcck von Menschen, denen man ihre Reflektiertheit auch abkauft. Ein St\u00fcck das mutig ist. Weshalb konnte die Inszenierung dann nicht auch so viel Mut beweisen und die Figur der Nadia als starke Frau, anstelle des h\u00f6rigen kleinen M\u00e4dchens, das zur\u00fcck in ihre Rolle gedr\u00e4ngt wird, darstellen? Das w\u00e4re nun wirklich einmal mutig gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei solch einer Adaption von St\u00fccken (mit minimalem Korrekturvorschlag) k\u00f6nnte Theater glatt dem Fernsehen die Popularit\u00e4t streitig machen. Viele andere junge Menschen in Weimar sahen dies scheinbar \u00e4hnlich, denn der Saal war voll mit ihnen. An einem Samstagabend mal lieber ins Theater als gleich zur Party?<br \/>\nEin St\u00fcck, das trotzdem die Frage aufwirft, warum es f\u00fcr all die vielen Antirassist*innen so schwer ist, gleichzeitig auch Antisexist*innen zu sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Artikel von Resa (Q3) Ein Klassiker, der \u00fcberhaupt nichts mit klassischem Theater zu tun hat. 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