{"id":372,"date":"2016-11-16T17:02:36","date_gmt":"2016-11-16T16:02:36","guid":{"rendered":"http:\/\/fichtenblatt.de\/?p=372"},"modified":"2018-02-26T16:03:55","modified_gmt":"2018-02-26T15:03:55","slug":"9-november-ein-tag-viel-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=372","title":{"rendered":"9. November- ein Tag, viel Geschichte"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ein Artikel von <strong>Resa<\/strong> (Q3)<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der 9. November ist ein wichtiger Tag in der deutschen Geschichte \u00fcber mehrere Systeme hinweg. Am 9. November gedenken wir nicht nur der Reichspogromnacht, sondern auch dem Fall der Mauer. Vergessen wird dabei jedoch h\u00e4ufig, dass diesen Ereignissen ein drittes vorausgeht, n\u00e4mlich die zweimalige Ausrufung der Republik 1918.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1918<br \/>\n<\/strong>Nach der Abdankung des Kaisers durch den Reichskanzler Max von Baden begann kurz nach dem Ersten Weltkrieg der Kampf um die Neuorganisierung des Deutschen Reiches. Es kam zur Bildung von Arbeiter- und Soldatenr\u00e4ten in vielen gro\u00dfen St\u00e4dten Deutschlands.<br \/>\nAm 9. November 1918 kam es zur zweimaligen Ausrufung der Republik, erst durch Philipp Scheidemann von der SPD aus dem Berliner Reichstag und kurze Zeit sp\u00e4ter durch Karl Liebknecht, F\u00fchrer des Spartakus-Bundes, der eine sozialistische Republik vom Berliner Schloss aus ausrief. Er und andere Revolution\u00e4re*innen bef\u00fcrworteten eine sozialistische R\u00e4terepublik in Deutschland nach sowjetischem Vorbild. Stra\u00dfenk\u00e4mpfe u.a. in Berlin waren im Zuge der Novemberrevolution ausgebrochen, was dazu f\u00fchrte, dass die Neukonstituierung des Staates nach Weimar verlegt wurde. Dies f\u00fchrte zum Namen der neuen &#8222;Weimarer Republik&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1938<br \/>\n<\/strong>Deutschland brannte in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938. \u201e91 Tote, 267 zerst\u00f6rte Gottes- und Gemeindeh\u00e4user und 7.500 verw\u00fcstete Gesch\u00e4fte &#8211; das war die &#8222;offizielle&#8220; Bilanz des Terrors.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Der menschenverachtende Antisemitismus hatte eine neue Stufe erreicht, j\u00fcdische Gesch\u00e4fte und Synagogen wurden in Brand gesetzt. Angef\u00fchrt wurde diese Welle der Gewalt durch SA und SS. Trotzdem bezeichnete die NSDAP die Pogrome \u201eals berechtigte und verst\u00e4ndliche Emp\u00f6rung des deutschen Volkes&#8220;<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> und fand darin die Legitimation, weitere Verbrechen gegen die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung aber auch viele weitere Menschen begehen zu k\u00f6nnen. Zuvor hatten die Nazis im Jahr 1935 die N\u00fcrnberger-Gesetze verabschiedet, welche die Rechte der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung massiv einschr\u00e4nkten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inge Deutschkron beschreibt in \u201eWe survived Berlin Jews Underground\u201c wie sie die Tage um den 9. November 1938 erlebt hat:<br \/>\n&#8222;Am Nachmittag des 9. Novembers erreichte uns die Nachricht von ver\u00e4ngstigten Freunden, dass einige ihrer Angeh\u00f6rigen verhaftet wurden, und im Radio hie\u00df es, dass spontane Aufst\u00e4nde u.a. j\u00fcdische Gesch\u00e4fte zerst\u00f6rt hatten. Augenzeugen berichteten, dass die Polizei nicht intervenierte, als die Zerst\u00f6rer w\u00fcteten. F\u00fcr die Nazis lief zu dem Zeitpunkt alles nach Plan. Am Morgen danach war die H\u00f6lle in Berlin ausgebrochen, der Ku\u2019damm lag in Schutt und Asche und mit \u00c4xten bewaffnete SA-M\u00e4nner liefen durch die Stra\u00dfen.&#8220; <a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fr\u00fcher nannte man die Reichspogromnacht \u201eReichskristallnacht\u201c aufgrund der vielen zerst\u00f6rten Fenster j\u00fcdischer Gesch\u00e4fte. Sp\u00e4ter entschied man sich der euphemistischen Rhetorik, die die Nacht sowie das Leid, das sie hervorgebracht hat, verstellt, den R\u00fccken zuzukehren und die Verbrechen, die in der Nacht vom 9. zum 10.11. begangen worden sind, als das zu betiteln, was sie sind: ein Pogrom.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1989<br \/>\n<\/strong>Am Abend vorher noch war die junge Studentin der Germanistik und Philosophie mit Freund*innen trinken gewesen und als sie sich schlafen legte, war alles wie immer. Sie ging ins Bett wie immer. Die Mauer stand verschlossen ganz in ihrer N\u00e4he (, was in dem kleinen Westberlin nicht schwer war -fr\u00fcher oder sp\u00e4ter traf man immer auf die Mauer), wie immer.\u00a0 Mitten in der Nacht wird sie durch lautes Gehupe aus dem Schlaf gerissen, doch sie konnte ihren Augen nicht trauen, auf dem Platz unter ihr waren Trabbis, lauter Trabbis. <a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>\u00a0 Sofort schaltete sie den Fernseher ein und rief ihre Freundin in Reinickendorf an. Mitten in der Nacht sa\u00dfen die beiden nun mit der Hand am H\u00f6rer vor dem Fernseher und staunten nicht schlecht &#8211; die Mauer war tats\u00e4chlich ge\u00f6ffnet worden.\u00a0 Ein paar Stunden sp\u00e4ter hatten sich die beiden verabredet und gingen gemeinsam mit einem mulmigen Gef\u00fchl durch das Brandenburger Tor, um sich Ost-Berlin anzugucken und einmal das Deutsche Theater von au\u00dfen anzusehen. Sie waren ersch\u00fcttert dar\u00fcber, dass sie an teilweise zerbombten H\u00e4usern, die scheinbar nie abgerissen worden waren, vorbei kamen. Mit der Angst, die Mauer k\u00f6nnte wieder geschlossen werden, trauten sich die beiden allerdings nicht l\u00e4nger in Ostberlin zu verweilen, um ins Theater zu gehen und traten die Heimkehr an. Nat\u00fcrlich wurden alle und somit auch unsere Studentin weiterhin mit der Mauer\u00f6ffnung konfrontiert, denn sie arbeitete neben dem Studium bei Woolworth an der Kasse, dass von Kunden*innen, die ihr Begr\u00fc\u00dfungsgeld ausgeben wollten, \u00fcberrannt wurde. Teilweise mussten die Filialen aufgrund von Einsturzgefahr durch den gro\u00dfen Andrang geschlossen werden oder der Zugang limitiert werden.<br \/>\nEtwas fr\u00fcher auf der anderen Seite der Mauer, weiter westlich von der jungen Studentin, stand ein DDR-Drittliga Spieler an der Potsdamer Glienicker-Br\u00fccke. <a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Er hatte die verfr\u00fchte Mauer\u00f6ffnung durch G\u00fcnter Schabowski im Fernsehen gesehen und hat sich wie viele andere Potsdamer sofort auf den Weg gemacht. Nur schien die frohe Botschaft nicht bis zu den Potsdamer Beamten*innen vorgedrungen zu sein, w\u00e4hrend in Berlin die Massen von Ost- nach Westberlin str\u00f6mten, verwehrte man den Potsdamern ihr neugewonnenes Recht und lie\u00df sie nicht durch. Die allgemeine Entt\u00e4uschung, die sich an der Glienicker Br\u00fccke breit machte, f\u00fchrte dazu, dass wildfremde gemeinsam zum Feiern in die n\u00e4chstgelegene Kneipe zogen. Am n\u00e4chsten Morgen jedoch konnte auch H. Haase endlich in den Westen, wo Autofahrer*innen in Zehlendorf schon warteten, um die Menschen von der Br\u00fccke hinein in die Stadt zu fahren, da diese ja noch kein Westgeld hatten, sich nicht auskannten und daher nur bedingt mobil waren. Nach ein paar Tagen zog es den Westberlinbesucher dann aber zur\u00fcck \u00fcber die Br\u00fccke nach Hause, nach Potsdam, wo ein DDR-Beamter wartete, der noch nicht ganz verstanden hatte, dass es den DDR-B\u00fcrgern*innen nun endlich frei stand, die Grenze in den Westen zu \u00fcberqueren. \u201eMan wollte pr\u00fcfen, ob ich etwas in die DDR einschmuggle &#8211; der Beamte hatte die Zeichen der Zeit noch nicht verstanden&#8220;, erinnert sich H. Haase und erg\u00e4nzt, \u201eheute kann ich dar\u00fcber lachen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Morgen nach der Mauer\u00f6ffnung, an dem ganz Berlin und dar\u00fcber hinaus in Feierlaune war, da der Eiserne Vorhang endlich gefallen war, gab es auch viele, die gar keine Zeit zum Feiern hatten. Am Morgen des 10. Novembers fuhr ein Westberliner Feuerwehrmann ganz normal, um 6.30 Uhr, zu seiner Dienstelle, der Branddirektion in Charlottenburg-Nord. Er schaltete sein Radio ein und dachte zun\u00e4chst, einer der Moderatoren*innen w\u00fcrde sich einen Scherz erlauben; die Mauer sei ge\u00f6ffnet worden. In seiner Dienststelle erfuhr er, all das war kein Scherz. Ein Krisengipfel der Berliner Feuerwehr war f\u00fcr den Morgen angesetzt; was passiert bei einem gro\u00dfen Menschenandrang? Wo m\u00fcssen vorsichtshalber Notfallfahrzeuge in der Stadt stationiert werden? Und was zur H\u00f6lle passiert, wenn es an der Grenze, bspw. am Brandenburger Tor zu einem Feuer auf der Ostseite kommt und die Westberliner Feuerwehr zwar Vorort ist, aber einen gesetzwidrigen Staats\u00fcbertritt riskieren m\u00fcsste, der als Reaktion vielleicht die Schlie\u00dfung der Mauer zur Folge h\u00e4tte? Fragen \u00fcber Fragen. Eine komplett neue Situation, mit der niemand gerechnet hatte, war zu bew\u00e4ltigen, Aufgaben mussten verteilt werden und alle waren st\u00e4ndig in Alarmbereitschaft. Der Feierabend war erstmal f\u00fcr viele im \u00d6ffentlichen Dienst gestrichen. Viele zog es zum Ku\u2019damm, wo gl\u00fccklich und ausgelassen gefeiert wurde. Alle waren erstmal einfach nur froh und alles verlief friedlich. Keine Katastrophe. Endlich Feierabend.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> URL: <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/ns-regime\/ausgrenzung-und-verfolgung\/novemberpogrom-1938.html\">https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/ns-regime\/ausgrenzung-und-verfolgung\/novemberpogrom-1938.html<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Zit.n. Carola J\u00fcnning, DHM 2009: <a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/ns-regime\/ausgrenzung-und-verfolgung\/novemberpogrom-1938.html\">https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/ns-regime\/ausgrenzung-und-verfolgung\/novemberpogrom-1938.html<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> \u00dcbersetzung nach: Inge Deutschkron, <a href=\"https:\/\/www.google.de\/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=1&amp;ved=0ahUKEwjajvfW1K3QAhXKWxQKHZCCCa0QFggkMAA&amp;url=http%3A%2F%2Fwww.gdw-berlin.de%2Ffileadmin%2Fbilder%2Fpubl%2Fbeitraege%2FDeutschkron-en-2008.pdf&amp;usg=AFQjCNEwpgLAQXAyqy0rjWlq9mW3s0LF3g&amp;cad=rja\">\u201eWe survived Berlin Jews Underground\u201c<\/a> in German Resistance 1933-1945, German Resistance Memorial Center\/ Gedenkst\u00e4tte deutscher Widerstand (Hrsg.), S. 17.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Trabant: die allgemeine und beinah einzige Automarke in der DDR.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> An der Br\u00fccke zwischen Zehlendorf und Potsdam fanden jahrelang die Agentenaustausche zwischen Ost und West statt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Artikel von Resa (Q3) Der 9. November ist ein wichtiger Tag in der deutschen Geschichte \u00fcber mehrere Systeme hinweg. Am 9. November gedenken wir nicht nur der Reichspogromnacht, sondern auch dem Fall der Mauer. Vergessen wird dabei jedoch h\u00e4ufig, dass diesen Ereignissen ein drittes vorausgeht, n\u00e4mlich die zweimalige Ausrufung der Republik 1918. 1918 Nach [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":377,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,8],"tags":[],"class_list":["post-372","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-geschichte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/fichtenblatt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/372","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/fichtenblatt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/fichtenblatt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/fichtenblatt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/fichtenblatt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=372"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/fichtenblatt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/372\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":771,"href":"https:\/\/fichtenblatt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/372\/revisions\/771"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/fichtenblatt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/377"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/fichtenblatt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=372"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/fichtenblatt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=372"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/fichtenblatt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=372"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}