{"id":497,"date":"2017-05-16T21:50:11","date_gmt":"2017-05-16T19:50:11","guid":{"rendered":"http:\/\/fichtenblatt.de\/?p=497"},"modified":"2018-10-23T23:20:25","modified_gmt":"2018-10-23T21:20:25","slug":"rede-zum-tag-der-befreiung-vom-menschenverachtenden-system-der-nationalsozialistischen-gewaltherrschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=497","title":{"rendered":"Rede zum Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die hier dokumentierte Rede wurde von <strong>Leonie Kern<\/strong> (Q2) im Rahmen der Gedenkfeier der <a href=\"http:\/\/ikz-lichterfelde.de\/\">&#8222;Initiative KZ-Au\u00dfenlager Lichterfelde e.V.&#8220;<\/a> anl\u00e4sslich des Tages der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft am 8. Mai 2017 gehalten.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sehr geehrte Damen und sehr geehrte Herren,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">mein Name ist Leonie Kern. Als ich gefragt wurde, ob ich eine Rede halten wollen w\u00fcrde zu der heutigen Gedenkfeier, f\u00fchlte ich mich etwas \u00fcberrumpelt. Doch kurz danach schon wurde mir bewusst, dass es vieles gibt, was ich sagen m\u00f6chte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine kleine Anekdote aus meinem Leben: W\u00e4hrend meines Auslandsjahres in Kanada sprach ich mit einem Jungen, der kurz nachdem ich sagte, dass ich aus Deutschland k\u00e4me, seinen Arm hob und Hitler parodierte. Ich wies ihn darauf hin, dass ich J\u00fcdin sei und es abgesehen davon auch sehr respektlos ist, nur aufgrund meiner Herkunft, Schl\u00fcsse \u00fcber meine politische Gesinnung zu ziehen. Nach mehreren Minuten, in denen er sich entschuldigte, schaute er mich an und fragte mich betreten, wie es denn \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist, in Deutschland zu leben und eine J\u00fcdin, zugleich aber auch eine Deutsche zu sein. F\u00fcr ihn schien es wie ein Widerspruch in sich.<br \/>\nIm ersten Moment war ich schockiert. Im zweiten belustigt. Doch nach und nach kam ich zu dem Schluss, dass dieses fehlende Wissen und der fehlende Respekt ganz allt\u00e4glich sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich stehe hier mit Ihnen zusammen und schaue zur\u00fcck auf eine Zeit von unendlicher Trauer, nicht enden wollenden Dem\u00fctigungen, Verfolgung, Weg-Schauen, Weg-H\u00f6ren, Barbarei und Unmenschlichkeit.<br \/>\nTage des Gedenkens und auch der Trauer, wie der heutige, halte ich f\u00fcr unendlich wichtig. F\u00fcr viele Menschen ist Trauer durchgehend pr\u00e4sent. Man kann Trauer nicht an- und wieder ausschalten. Sie \u00fcberf\u00e4llt einen. Sie ist unvorhersehbar.<br \/>\nTrauer kommt nicht nur bei den Opfern auf, sondern auch bei deren Kindern und Kindes-Kindern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin durch meine Familiengeschichte sowohl als T\u00e4terin als auch als Opfer zu deklarieren. Doch genau dieses Schubladendenken ist das, was den kanadischen Jungen und manch anderen wohl so durcheinanderbringt.<br \/>\nIch bin kein Opfer. Und Deutschland ist keine Nation von T\u00e4tern.<br \/>\nViel mehr ist Deutschland mittlerweile an einem Punkt angelangt, an dem jemand wie ich vor Ihnen stehen kann und diese Worte sprechen darf. Das ist eine Errungenschaft der Demokratie. Genau deshalb, sollten wir diese erhalten und heute nach vorne und nicht nur zur\u00fcck schauen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir d\u00fcrfen nicht vergessen, dass sich die Anf\u00e4nge des sogenannten Dritten Reichs in Wahlen finden lassen und das Fortschreiten des Grauens durch ein Nicht-Handeln und Nicht-Sehen-Wollen zugelassen worden ist.<br \/>\nEin Sprichwort besagt, dass es reicht, wenn das Gute nichts tut, damit das B\u00f6se gewinnt. Und es ist genau das, was damals geschehen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei all der Trauer sollten wir weder das tapfere Handeln vieler, h\u00e4ufig stiller, Helden vergessen, noch den offenen Widerstand Einzelner, welcher nicht selten mit dem Tod gestraft wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir k\u00f6nnen den Lauf der Geschichte heute nicht mehr \u00e4ndern. Doch eines k\u00f6nnen wir tun. Wir k\u00f6nnen die Weichen f\u00fcr die Zukunft sehr sorgf\u00e4ltig stellen und so verhindern, dass ein solches Grauen erneut zustande kommt.<br \/>\nSagen wir: Nein zu Diskriminierung. Nein zu Vorurteilen. Und Nein zu Fremden-Hass.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manchmal ist es wichtig, dass wir dies herausschreien, damit es alle mitbekommen. Und manchmal ist es auch wichtig, im Stillen zu handeln.<br \/>\nDabei ist es egal, ob man bei einer Demonstration mitl\u00e4uft oder einen fremdenfeindlichen Sticker von einem Laternenpfahl abrei\u00dft.<br \/>\nKeine gute Tat ist unwichtig. Und keine gute Tat bleibt ohne Wirkung.<br \/>\nSolche gute Taten beschreiben den Begriff Zivilcourage. Doch Zivilcourage bedeutet nicht nur offensichtlich zu handeln, sondern auch Unspektakul\u00e4res, wie das W\u00e4hlen einer Regierung, die f\u00fcr Demokratie und ein Egalit\u00e4tssystem eintritt. Eine Regierung, die f\u00fcr ein Miteinander und kein Gegeneinander steht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir haben das Privileg w\u00e4hlen gehen zu d\u00fcrfen. Und ich sehe es als meine Pflicht an, dies auch zu tun. Jede Stimme z\u00e4hlt. Heutzutage genauso sehr, wie zu anderen Zeiten.<br \/>\nWenn man umher schaut in andere L\u00e4nder, so sieht es teilweise nicht gut aus f\u00fcr unsere Vorstellung eines demokratischen Staates, der sich dem Gleichheitsprinzip verschrieben hat.<br \/>\nAuch in Deutschland steigt die Zahl der Hass-Verbrechen, rassistische Beleidigungen scheinen Gang-und-Gebe zu sein und die Anzahl der Anh\u00e4nger rechtsorientierter Parteien und Gruppierungen nimmt stetig zu. Rechtspopulisten sind auf dem Vormarsch, nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So sehr ich mir auch w\u00fcnsche, all das Leid und die Trauer aus der Vergangenheit r\u00fcckg\u00e4ngig machen zu k\u00f6nnen und in der Gegenwart zu verhindern, ist es eine nicht zu bew\u00e4ltigende Aufgabe f\u00fcr eine einzelne Person. Das Hier und Jetzt zu \u00e4ndern liegt bei uns allen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ob klein oder gro\u00df, jung oder alt, Frau oder Mann, Jude oder Christ, Moslem oder Hindu ist nicht von Bedeutung. Es z\u00e4hlt ob und wie wir handeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn letzten Endes ist es unm\u00f6glich einen Menschen durch seine Herkunft, seine sexuelle Orientierung oder sein Geschlecht zu definieren. Und sollten wir dies in unserer Umgebung dennoch bemerken, sollten wir hinh\u00f6ren, hinsehen und uns einmischen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abschlie\u00dfend m\u00f6chte ich eine Stelle aus dem Talmud zitieren:<br \/>\nAchte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte.<br \/>\nAchte auf deine Worte, denn sie werden deine Handlungen.<br \/>\nAchte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.<br \/>\nAchte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter.<br \/>\nAchte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die hier dokumentierte Rede wurde von Leonie Kern (Q2) im Rahmen der Gedenkfeier der &#8222;Initiative KZ-Au\u00dfenlager Lichterfelde e.V.&#8220; anl\u00e4sslich des Tages der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft am 8. Mai 2017 gehalten. Sehr geehrte Damen und sehr geehrte Herren, mein Name ist Leonie Kern. 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