{"id":708,"date":"2018-01-28T12:26:11","date_gmt":"2018-01-28T11:26:11","guid":{"rendered":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=708"},"modified":"2018-02-26T16:03:06","modified_gmt":"2018-02-26T15:03:06","slug":"ich-studiere-bwl-aus-ueberzeugung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=708","title":{"rendered":"\u201eIch studiere BWL aus \u00dcberzeugung\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ein Beitrag von <strong>Emily Scholle<\/strong>, Abiturientin der Fichtenberg-Oberschule im Jahrgang 2015-2016.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich letztens in einer Personalpolitik-Vorlesung sa\u00df, fragte mein Professor uns, warum wir hier seien. Studieren wir das, was wir studieren, weil es uns interessiert, oder weil wir nur auf das sp\u00e4ter angeblich so hohe Gehalt aus sind?<br \/>\nIch selbst kann mich ganz klar der ersten Sparte zuordnen und so schockierte es mich nur noch mehr, dass sich circa 95 % der rund 400 anwesenden Student*innen eher der zweiten Sparte zuordnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Altersspanne bei Betriebswirtschaftslehre (BWL) im 3. Semester an meiner Universit\u00e4t, der Freien Universit\u00e4t Berlin, liegt nach eigenen Sch\u00e4tzungen zwischen 18 und 27 Jahren. Dies ist ein Alter, in dem man noch jung ist und einem alle T\u00fcren der Welt offen stehen. Wenn man diese offenen T\u00fcren nicht nutzt, sondern sich lieber durch etwas hindurch qu\u00e4lt, das nicht nur sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, sondern einem obendrein keinen Spa\u00df macht, trifft das bei mir auf totales Unverst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Generell nehme ich, wenn ich gefragt werde, was ich so mache, und meine Antwort darauf \u201eIch studiere BWL\u201c lautet, eine genervte Reaktion meines Gegen\u00fcbers wahr. Das war schon zum Ende meiner Schulzeit so und ich glaube, es wird sich auch nicht mehr \u00e4ndern.<br \/>\nLetztens jedoch hat eine Person dann gefragt, warum ich dies studiere, und als ich ihr meine Gedankeng\u00e4nge dazu erl\u00e4uterte, war ihre Antwort, dass ich die erste BWLerin sei, die sie kenne und die diesen Studiengang aus \u00dcberzeugung macht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Ende des Abiturs besch\u00e4ftigt, glaube ich, alle Sch\u00fcler*innen die Frage, wie sie ihr Leben jetzt weiter gestalten sollen. Es ist zum ersten richtigen Mal der Moment im Leben, in dem man in jede m\u00f6gliche Richtung gehen kann. Nicht nur die Frage, ob ein freiwilliges Jahr, Arbeiten, eine Ausbildung, ein Studium, Reisen gehen oder einfach eine Zeit lang auf dem Sofa chillen der richtige Weg f\u00fcr einen ist, muss man f\u00fcr sich selbst kl\u00e4ren, sondern auch, was dann genau. Wo mache ich mein freiwilliges Jahr? Wo arbeite ich? Was m\u00f6chte ich studieren und wo? (Bei allen Bereichen gibt es diese Frage, au\u00dfer vielleicht beim Sofa &#8211; da g\u00e4be es nur die Frage, ob man ein Sofa hat.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich war in meinem Abiturjahrgang die Person, die alles organisierte. Die Person, die nicht nur Herrn Steiner nervte, weil ich unbedingt eine Abiturverleihung auf dem Schulhof wollte, sondern die auch alle anderen Sch\u00fcler genervt hat, wenn ich noch ein Informationspost in die Facebook-Gruppe geschrieben habe. Warum habe ich das gemacht?<br \/>\nMir hat das Organisieren viel mehr Spa\u00df gemacht als Biologie oder Kunst. Es war f\u00fcr mich der Teil in der Schule, in dem ich aufgegangen bin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich selbst wollte ganz lange kein BWL studieren. Ich wollte nicht so sein wie alle anderen, sondern &#8211; auch wenn mich das Fach eigentlich interessierte \u2013 etwas anderes machen.<br \/>\nAlso besch\u00e4ftigte ich mich bei meiner Recherche mit Studieng\u00e4ngen, die in diese Richtung gehen, aber dennoch anders sind, wie beispielsweise \u201eInternationales Management\u201c oder \u201eWirtschaftspsychologie\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da ich bei meinem Abitur 17 Jahre alt war, wusste ich, dass ich in Berlin unter den Minderj\u00e4hrigen-Bonus fallen w\u00fcrde, und auch sonst stellte ich mir die Frage: \u201eMit 17 ausziehen?\u201c Das war f\u00fcr mich in dem Moment keine Option und so entschied ich mich daf\u00fcr in Berlin zu bleiben.<br \/>\nDie Studieng\u00e4nge, die mich unabh\u00e4ngig von BWL interessierten (s.o.), gibt und gab es vor allem an privaten Hochschulen, wo man im Durchschnitt 400 Euro pro Monat zahlt.<br \/>\nAuch wenn ich mir sicher war, dass diese Richtung die richtige f\u00fcr mich sein w\u00fcrde, wollte ich nicht so viel Geld daf\u00fcr ausgeben. Also kam nun doch Betriebswirtschaftslehre in Frage, da die Vertiefungen, in denen man einen Bachelor an so vielen privaten Hochschulen machen kann, von \u00f6ffentlichen Universit\u00e4ten als Master-Studieng\u00e4nge angeboten werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich war bei allen Offenen Tagen der Fachbereiche Wirtschaftswissenschaft: an der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin, der Freien Universit\u00e4t Berlin und der Universit\u00e4t Potsdam. Schlussendlich hat mich die Freie Universit\u00e4t Berlin am meisten \u00fcberzeugt.<br \/>\nNicht unwichtig f\u00fcr meine Entscheidung war, dass ich in der N\u00e4he der Universit\u00e4t wohne und ein kurzer Weg f\u00fcr mich einfach mehr Lebensqualit\u00e4t bedeutet. Aber auch sonst habe ich mich dort einfach wohl gef\u00fchlt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich die Zusage der Freien Universit\u00e4t bekommen habe, habe ich mich total gefreut und wollte unbedingt studieren.<br \/>\nDie Zeit zwischen Abitur und Studium habe ich ein wenig in den Tag hineingelebt &#8211; zwar nicht in Berlin, aber trotzdem in einem zweiten Zuhause &#8211; und einen Welpen gro\u00dfgezogen (wer dies schon mal gemacht hat, wei\u00df, wie anstrengend das ist). Ein richtiger Tagesablauf und eine Aufgabe, die den Geist besch\u00e4ftigte, waren in dieser Zeit in meinem Leben nicht vorzufinden.<br \/>\nDie ersten Wochen an der Uni waren f\u00fcr mich super aufregend. Neue Menschen, neue Geb\u00e4ude, neuer Inhalt, neuer Ablauf.<br \/>\nIch fand es toll. Es interessiert niemanden, ob und wann man in die Universit\u00e4t kommt, ob man aufpasst, schl\u00e4ft oder eine Serie guckt. Man ist komplett selbst daf\u00fcr verantwortlich, dass man sein Studium besteht.<br \/>\nIch wei\u00df nicht, wie andere Studieng\u00e4nge sind, weil ich meinem bisher treu geblieben bin, aber ich vermute, dass Betriebswirtschaftslehre und auch Volkswirtschaftslehre (VWL) sehr theoretische Studieng\u00e4nge sind.<br \/>\nNach den ersten paar Monaten kam ich daher in eine Phase, in der ich nur noch hinschmei\u00dfen wollte, weil ich einfach nicht hinterhergekommen bin und mir alles viel zu theoretisch war. Wie das Rechnungswesen in Unternehmen funktioniert, braucht doch eh niemand, dachte ich. Schon in der Schule habe ich mich immer im Matheunterricht gefragt, wof\u00fcr man Integral-Rechnung braucht, und jetzt ging das im Studium so weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcberhaupt ist Mathematik ein wichtiger, ja, superwichtiger Punkt bei BWL. Ich hatte zwar in der Schule \u201enur\u201c Grundkurs Mathematik, aber war dort sehr gut und glaube also ein sehr gutes mathematisches Verst\u00e4ndnis zu haben. Trotzdem kam ich mir zu diesem Zeitpunkt an der Uni sehr dumm vor. Aber hier gilt, wie auch generell im Studium, dass, wenn du etwas willst, du es schaffst.<br \/>\nStudium &#8211; und vor allem bei Betriebswirtschaftslehre &#8211; bedeutet sehr viel Eigenarbeit. Einige, die BWL studieren, haben vorher eine Ausbildung in diese Richtung gemacht und somit schon Grundkenntnisse \u00fcber Marketingstrategien, Steuern, Rechnungswesen, Personalpolitik oder auch Arbeitsrecht &#8211; also alles, was in einem Unternehmen wichtig ist.<br \/>\nIch hatte diese Vorkenntnisse nicht, aber was ich hatte, waren der Willen und das Interesse, dies alles zu lernen, auch wenn daf\u00fcr sehr viele Wochenenden und Freizeit drauf gingen. Das Grundwissen, das viele Professor*innen zum Teil unterschwellig voraussetzen, musste ich mir erstmal aneignen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Parallel zum Studium habe ich im ersten Semester angefangen, mehr in der Event-Catering-Firma zu arbeiten, in der ich auch schon neben dem Abitur hin und wieder gejobbt habe. Nicht nur des Geldes wegen, sondern vor allem, weil mir das Studium sehr trocken schien und mir auf Dauer bei der Stillarbeit in der Bibliothek der soziale Kontakt gefehlt hat.<br \/>\nUnd dann habe ich irgendwann den Mut zusammengenommen und den Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer gefragt, ob ich ihn eine Woche lang mal begleiten und somit einen Einblick in sein Leben bekommen darf.<br \/>\nLong story short. Ich habe in der einen Woche nicht nur gesehen, wof\u00fcr ich so viel aus dem Studium brauche, und einen Einblick in die \u201eechte\u201c Arbeitswelt bekommen, sondern danach auch ein Jobangebot erhalten, so dass ich jetzt, ein Jahr sp\u00e4ter, immer noch neben dem Studium in dieser Firma arbeite. Ich freue mich immer wieder aufs Neue, wenn ich verstehe, wor\u00fcber geredet wird, wenn es um Steuern, Buchhaltung, Marketing-Strategien oder sonstigen betriebswirtschaftlichen Themen geht.<br \/>\nIch hole mir dadurch die Praxis, die mir in meinem Studium gefehlt hat und es war eine der besten Entscheidungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ich gefragt werde, was ich so mache, ist meine Antwort somit nicht ausschlie\u00dflich, dass ich BWL studiere, sondern auch, dass ich arbeite. Viel Freizeit bleibt dabei nat\u00fcrlich nicht.<br \/>\nDeshalb trifft nicht nur meine Studienwahl bei vielen auf Unverst\u00e4ndnis, sondern auch, dass ich meine Aktivit\u00e4ten so lege, dass ich nur noch sehr wenig Freizeit habe. Aber das finde ich okay. Denn mir macht es Spa\u00df und ich habe f\u00fcr mich ganz pers\u00f6nlich die Kombination gefunden, in der ich gl\u00fccklich bin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr mich ist das Studium der Betriebswirtschaftslehre also keineswegs ein Studium, das ich studiere, weil ich nicht wei\u00df, was ich machen soll. Es gibt mir einen Einblick in alle wichtigen Bereiche der Unternehmenswelt (und ganz ehrlich: was ist so schlecht daran, wenn man ohne fremde Hilfe eine Steuererkl\u00e4rung machen kann?).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine zuk\u00fcnftige Vertiefungsrichtung hat sich w\u00e4hrend des Studiums ge\u00e4ndert. So dachte ich anfangs, dass nur der Bereich Marketing und Management f\u00fcr mich interessant sein wird. Mittlerweile glaube ich, dass ich in der Personalf\u00fchrung und im Thema Arbeitsrecht besser aufgehoben w\u00e4re, aber das eine schlie\u00dft ja das andere auch nicht aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fr\u00fcher war es immer mein Traum, Lehrerin zu werden. Ich wollte gerne das Leben von anderen beeinflussen und vielleicht ein St\u00fcckchen besser machen.<br \/>\nMittlerweile glaube ich, dass ich keine gute Lehrerin an der Schule w\u00e4re, aber vielleicht ja in der Berufswelt.<br \/>\nIndem man Verantwortung in einem Unternehmen tr\u00e4gt und als Vorgesetze*r agiert, bestimmt man\u00a0 mit, wie sch\u00f6n oder eben auch nicht diese Menschen ihre Arbeit wahrnehmen und ob sie \u00fcberhaupt eine Chance bekommen. Somit kann man das Leben von (je nach Gr\u00f6\u00dfe des Unternehmens) sehr vielen Menschen beeinflussen und vielleicht ja auch ein bisschen besser gestalten. Man ist damit der Lehrer f\u00fcr die Mitarbeiter*innen, also eine sehr wichtige Person in ihrem Leben, wie es auch die Lehrer*innen w\u00e4hrend der Schulzeit f\u00fcr die Sch\u00fcler*innen sein sollten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr mich ist meine Zeit des Studiums die Zeit, in der ich mich ausprobieren, in der ich neue Sachen erleben und sehen m\u00f6chte, wohin es mich wirklich verschl\u00e4gt.<br \/>\nDurch die Einf\u00fchrung von G8 im Schulsystem und fr\u00fcherer Einschulung (mit 5 statt wie fr\u00fcher 6 Jahren) sind alle Abiturienten*innen, wie auch ich damals, noch sehr jung.<br \/>\nIch bereue es nicht, sofort mit dem Studium angefangen zu haben. Ich war zu dem Zeitpunkt noch nicht so weit, alleine die Welt zu bereisen oder komplett zu arbeiten. Aber ich nutze jetzt die Zeit des Studiums daf\u00fcr. Wenn ich in der Regelstudienzeit meinen Bachelor mache (und so sieht es im Moment aus), bin ich mit 20 Jahren fertig. Ich bin dann in einem Alter, in dem andere ihr Abitur gemacht haben und f\u00fcr Unternehmen uninteressant bin, weil ich vermutlich \u201ezu wenig Lebenserfahrung\u201c habe.<br \/>\nDeshalb nutze ich die Zeit, um Erfahrungen zu sammeln. Sei es durch Freiwilligenarbeit in den Semesterferien in Mittelamerika oder durch ein Auslandspraktikum in Indien.<br \/>\nIch bin jetzt so weit, die Welt zu sehen und mich alleine auf den Weg zu machen, neue Erfahrungen au\u00dferhalb meiner Komfortzone Berlin zu sammeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich kann jedem nur raten, den Weg einzuschlagen, den man selbst f\u00fcr richtig h\u00e4lt und auf dem man sich wohl f\u00fchlt. Lasst euch nicht von anderen beeinflussen, sondern macht das, was ihr machen wollt, denn ihr lebt dieses eine Leben und das solltet ihr genie\u00dfen. Werdet nicht so wie viele meiner Kommiliton*innen, die etwas studieren, wovon sie sich eine sichere Zukunft erhoffen, aber es nicht das ist, was sie wirklich interessiert. Daf\u00fcr ist das Leben zu kurz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag von Emily Scholle, Abiturientin der Fichtenberg-Oberschule im Jahrgang 2015-2016. Als ich letztens in einer Personalpolitik-Vorlesung sa\u00df, fragte mein Professor uns, warum wir hier seien. Studieren wir das, was wir studieren, weil es uns interessiert, oder weil wir nur auf das sp\u00e4ter angeblich so hohe Gehalt aus sind? 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