{"id":806,"date":"2018-02-08T18:40:23","date_gmt":"2018-02-08T17:40:23","guid":{"rendered":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=806"},"modified":"2019-09-27T12:07:15","modified_gmt":"2019-09-27T10:07:15","slug":"was-laberst-du","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=806","title":{"rendered":"Was laberst du?"},"content":{"rendered":"<p><em>Ein Beitrag von <strong>Hanna Friederich <\/strong>und <strong>Martha Georgi<\/strong> (Q2). Dieser Artikel entstand im Rahmen des Leistungskurses Deutsch (Kursleitung: Fr. Lemme).<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><a href=\"https:\/\/fichtenblatt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/87.-Kiezdeutsch-4.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-809\" src=\"https:\/\/fichtenblatt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/87.-Kiezdeutsch-4-300x245.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"245\" srcset=\"https:\/\/fichtenblatt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/87.-Kiezdeutsch-4-300x245.jpg 300w, https:\/\/fichtenblatt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/87.-Kiezdeutsch-4.jpg 577w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/em>Kommen euch diese Ausdr\u00fccke bekannt vor? Im Zuge des Sprachwandels verbreiten sich diese und andere Redewendungen immer mehr, vor allem unter jungen Leuten und im st\u00e4dtischen Raum. In Linguist*innenkreisen hat das Ph\u00e4nomen schon einen Namen: Der durch Ver\u00e4nderungen der Grammatik, Lexik und Aussprache gekennzeichnete \u201eurbane Dialekt\u201c wird dort \u201eKiezdeutsch\u201c genannt. Manche Kritiker*innen bezeichnen Kiezdeutsch jedoch als eine von Vereinfachungen und grammatikalischer Inkorrektheit gepr\u00e4gte \u201edefizit\u00e4re Sprache\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Laut dem Redakteur <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article129622721\/In-Wahrheit-ist-Kiezdeutsch-rassistisch.html\">Matthias Heine<\/a> ist diese Sprachart im Prinzip der \u201eJargon von Migrantenkindern\u201c, der von deutschen Jugendlichen \u00fcbernommen wurde. Teilweise h\u00e4tten diese das Standarddeutsche nun verlernt, teilweise w\u00fcrden sie das Kiezdeutsch f\u00fcr Gruppenzugeh\u00f6rigkeits- und Abgrenzungszwecke und zur Provokation der Eltern verwenden, seien aber auch im Stande, je nach Situation in die Hochsprache zu wechseln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass der Ursprung der neuen Sprachart im Einfluss anderer Sprachen liegt, dar\u00fcber sind sich auch die Publizist*innen <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/lebenundlernen\/uni\/professorin-heike-wiese-verteidigt-den-jugendslang-kiezdeutsch-a-824386.html\">Wiese<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatte-um-jugendsprache-heute-ich-geh-diktat-11664452.html\">Kaube<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/rezensionen\/sachbuch\/kiezdeutsch-untersucht-von-soziolinguistin-diana-marossek-14167926.html\">Krischke <\/a>einig. Diese Sprachen sind vorrangig das durch die Globalisierung weit verbreitete Englisch sowie T\u00fcrkisch, Arabisch und Russisch, was den engen Zusammenhang dieser Sprechweise mit der Migrationsgeschichte Deutschlands aufzeigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Nachkommen der Einwander*innen vermischen ihre Muttersprache mit dem oft nur mangelhaft gelernten Deutsch, wodurch Kiezsprache entsteht. Da die Verst\u00e4ndigung mit dieser nicht g\u00e4nzlich korrekten Sprache trotzdem weitestgehend funktioniert, besteht oft nicht viel Motivation, die Hochsprache zu erlernen. Dazu tr\u00e4gt auch die Tatsache bei, dass viele Kinder von Migrant*innen nicht regelm\u00e4\u00dfig mit dem Standarddeutschen in Ber\u00fchrung kommen, sprechen viele eingewanderte Eltern doch ebenfalls nur gebrochenes Deutsch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unabh\u00e4ngig von Herkunft oder Migrationshintergrund ist jedoch zu beobachten, dass Jugendliche zunehmend W\u00f6rter aus anderen Sprach- oder Kulturkreisen in ihre Umgangssprache integrieren, was auf den allgemeinen Sprachwandel und die Internationalisierung von Jugendkulturen zur\u00fcck zu f\u00fchren ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Bamberger Germanistikprofessor <a href=\"http:\/\/www.rp-online.de\/kultur\/kiezdeutsch-ist-kein-dialekt-aid-1.2801115\">Helmut Gl\u00fcck<\/a> bekundet, dass ein Gro\u00dfteil der Jugendlichen durchaus zwischen den verschiedenen Sprachregistern wechseln k\u00f6nne, dennoch \u00e4u\u00dfert er Bef\u00fcrchtungen hinsichtlich der gesellschaftlichen Integration von bildungs\u00e4rmeren Schichten. Genau wie <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatte-um-jugendsprache-heute-ich-geh-diktat-11664452.html\">J\u00fcrgen Kaube<\/a> behauptet er, es sei nicht m\u00f6glich, sich mit dem alleinigen Beherrschen des Kiezdeutschen im \u00f6ffentlichen und privaten Leben zurechtzufinden. Zum Beispiel h\u00e4tte man gro\u00dfe Schwierigkeiten im Berufsalltag und bei formalen beziehungsweise b\u00fcrokratischen Erledigungen wie Steuererkl\u00e4rungen oder Mietvertr\u00e4gen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um die F\u00e4higkeit zur Verwendung der Standardsprache sicher zu stellen, pl\u00e4dieren beide Autoren deswegen daf\u00fcr, in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen ausschlie\u00dflich Hochdeutsch zu sprechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/lebenundlernen\/uni\/professorin-heike-wiese-verteidigt-den-jugendslang-kiezdeutsch-a-824386.html\">Heike Wiese<\/a>, eine kontrovers diskutierte Sprachwissenschaftlerin, tritt f\u00fcr die Thematisierung des Kiezdeutschen im Grammatikunterricht ein, da sich die Sch\u00fcler*innen in diesem Rahmen auch eher mit dem Standarddeutschen auseinandersetzen w\u00fcrden. Es sei wichtig, Kiezdeutsch als eine legitime Sprechart zu akzeptieren und somit die Sch\u00fcler*innen ernst zu nehmen, statt sie f\u00fcr ihren allt\u00e4glichen und gewohnten Sprachgebrauch ausschlie\u00dflich zu kritisieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Cartoon mit dem Titel \u201eNeulich im Deutschunterricht\u201c impliziert jedoch, dass Jugendliche auch trotz Behandlung der Problematik im Unterricht selbstverst\u00e4ndlichen Gebrauch ihrer eigenen Sprachvariation machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abgesehen davon wird am Kiezdeutsch auch kritisiert, es sei abwertend gegen\u00fcber Migrant*innen, denn nicht selten wird es als \u201eAusl\u00e4nderdeutsch\u201c angesehen, was Menschen mit Migrationshintergrund das Beherrschen von korrektem Deutsch abspricht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Argumentationen wie diese haben mit dem sprachlichen Aspekt des Kiezdeutschen allerdings wenig zu tun, sie thematisieren eher die gesellschaftliche Funktion und die soziale Stellung der Sprecher*innen. Demnach handelt es sich hierbei um eine Form der Gesellschaftskritik und auch um eine politische Instrumentalisierung von Sprache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die bei Sprachwissenschaftler*innen und Kulturredakteur*innen zu beobachtende aufgeregte Auseinandersetzung \u00fcber Kiezdeutsch erscheint wenig nachvollziehbar, gibt es doch keine Hinweise darauf oder gar Belege daf\u00fcr, dass sich diese Sprachvariante verstetigt und ausbreitet: ihr Refugium sind Jugendliche, und wenn die zu Erwachsenen werden, werden sie auch wie Erwachsene sprechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Statt k\u00fcnstlicher Aufgeregtheit ist nat\u00fcrliche Gelassenheit gefragt \u2013 auch und gerade gegen\u00fcber einer Sprache, die so einen lockeren und unverkrampften Lifestyle transportiert.<\/p>\n<p>Verwendete Quellen [Letzter Zugriff jeweils am 08.02.2018.]:<br \/>\n[1] Gl\u00fcck, Helmut (Interview: Lothar Schr\u00f6der): Kiezdeutsch ist kein Dialekt. In: RP Online. URL: http:\/\/www.rp-online.de\/kultur\/kiezdeutsch-ist-kein-dialekt-aid-1.2801115<br \/>\n[2] Heine, Matthias: In Wahrheit ist Kiezdeutsch rassistisch. In: WELT.de. 30.06.2014. URL: https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article129622721\/In-Wahrheit-ist-Kiezdeutsch-rassistisch.html<br \/>\n[3] Kauber, J\u00fcrgen: Heute geh ich Diktat. In: FAZ.net. 28.02.2012.<br \/>\nURL: http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatte-um-jugendsprache-heute-ich-geh-diktat-11664452.html<br \/>\n[4] Krischke, Wolfgang:\u00a0<span class=\"atc-HeadlineText\">Ischw\u00f6r, morgen bin ich Arzt! In: FAZ.net. 14.04.2016. URL: http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/rezensionen\/sachbuch\/kiezdeutsch-untersucht-von-soziolinguistin-diana-marossek-14167926.html<br \/>\n<\/span>[5] Wiese, Heike: <span class=\"headline\">Kiezdeutsch rockt, ischw\u00f6r! In: SPON. 29.03.2012.<br \/>\nURL: http:\/\/www.spiegel.de\/lebenundlernen\/uni\/professorin-heike-wiese-verteidigt-den-jugendslang-kiezdeutsch-a-824386.html<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag von Hanna Friederich und Martha Georgi (Q2). Dieser Artikel entstand im Rahmen des Leistungskurses Deutsch (Kursleitung: Fr. Lemme). Kommen euch diese Ausdr\u00fccke bekannt vor? Im Zuge des Sprachwandels verbreiten sich diese und andere Redewendungen immer mehr, vor allem unter jungen Leuten und im st\u00e4dtischen Raum. 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