{"id":838,"date":"2018-02-24T13:56:16","date_gmt":"2018-02-24T12:56:16","guid":{"rendered":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=838"},"modified":"2018-02-26T16:03:06","modified_gmt":"2018-02-26T15:03:06","slug":"das-leben-als-knacki","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=838","title":{"rendered":"Das Leben als Knacki"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Eine Reportage von <strong>Simon Mackel<\/strong> (8b). Der Artikel entstand im Rahmen des Zeitungsprojektes der 8. Klassen. Die Namen sind frei erfunden.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin auf dem Weg zu einem Weihnachtsmarkt denn dort habe ich einen Termin mit Frau Jensen. Den Kontakt habe ich \u00fcber Telefon und Internet hergestellt. Ich bin in Neuk\u00f6lln-Rixdorf angekommen und habe auch sofort den Stand der Evangelischen Gefangenenseelsorge gefunden. Frau Jensen ist noch sehr mit dem Standaufbau besch\u00e4ftigt. Also helfe ich einfach mal mit und hoffe, so mit ihr ins Gespr\u00e4ch zu kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist mein erstes Interview, deswegen bin ich ziemlich aufgeregt. Zum Gl\u00fcck habe ich mir im Vorfeld ein paar Fragen \u00fcberlegt und notiert. Ich zeichne das Gespr\u00e4ch mit meinem Smartphone auf. So kann ich ihr beim Dekorieren besser helfen und muss nicht mitschreiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Frau Jensen ist Pfarrerin in der Justizvollzugsanstalt Tegel. Sie spricht mit den Menschen, die dort zeitweise Leben. Sie erf\u00e4hrt, was den Gefangenen im Alltagsleben hinter Gittern bewegt. So erf\u00e4hrt sie auch, warum sie im Gef\u00e4ngnis sind. Diese Gespr\u00e4che sind f\u00fcr die Gefangenen sehr wichtig, da Frau Jensen eine Vertrauensperson ist und zuh\u00f6ren kann. Viele Gefangene sind recht einsam im Knast. Frau Jensen meint, sie m\u00fcsse immer sehr vorsichtig sei, was sie sagt, damit sie keine W\u00fcnsche weckt, die sie nicht erf\u00fcllen kann. Zudem gibt es gewisse Regeln im Umgang mit Straft\u00e4ter. Da die M\u00e4nner sehr viel Zeit in Ihren Zellen haben, k\u00f6nnen sie sich auf die Gespr\u00e4che mit Frau Jensen vorbereiten. Oft nutzen sie auch die Zeit, um sich Geschichten auszudenken, damit sie in einem besseren Licht dastehen. Bei Antr\u00e4gen zur Haftverk\u00fcrzungen wird auch Frau Jensen oft um Rat gefragt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Stand sind noch drei weitere Personen. Zwei \u00e4ltere M\u00e4nner und ein j\u00fcngerer. Als Frau Jensen mit dem Verkauf von selbstgebackenen Pl\u00e4tzchen aus dem Knast besch\u00e4ftigt ist, komme ich mit Ben, dem jungen Mann ins Gespr\u00e4ch. Er ist Insasse von Tegel und erz\u00e4hlt mir, wie es dazu kam. Mit dreizehn Jahren hatte er angefangen, mit Drogen zu dealen und damit richtig, richtig viel Geld verdient. Von dem ganzen Geld kaufte er sich ein Auto. Und lud seine Freunde zu Partys ein. Zur Schule ging er dann nicht mehr. Seine Eltern war das egal oder sie wussten es auch nicht. Mit vierzehn wurde er mehrfach beim Fahren ohne F\u00fchrerschein erwischt, auch wurde er wegen gewaltt\u00e4tiger Delikte, wie \u00dcberfall und N\u00f6tigung, z.B. dem Erpressen von Handys, angezeigt. Aber bei Kindern unter 14 Jahren greift das Strafrecht noch nicht, so musste er nicht ins Gef\u00e4ngnis. Mit 18 wurde er dann das erste Mal zu f\u00fcnf Jahre Jugendgef\u00e4ngnis verurteilt. Nach seiner Entlassung dauerte es nicht allzu lange, bis er wieder Straff\u00e4llig wurde. Die n\u00e4chste Verurteilung bekam er nach einer filmreifen, einst\u00fcndigen Verfolgungsjagd durch das n\u00e4chtliche Berlin. Der Richter schickte ihn f\u00fcr weitere f\u00fcnf Jahre nach Tegel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Leben im Knast ist nicht immer einfach. So sind rund 70 Zellen auf einem Flur und dadurch ist es sehr laut. Abends bekommen die Straft\u00e4ter oft Beklemmungen und wollen raus, dann ist es so laut, dass man nur mit Oropax schlafen kann. Das sch\u00f6nste, was Ben w\u00e4hrend seiner Haftzeit erlebt hat, war sein erster Freigang nach f\u00fcnf Jahren. Den bekam er, weil er eine verst\u00e4ndnisvolle Sozialarbeiterin hatte und sich durch Gespr\u00e4chskreise eine gute Sozialprognose erarbeitet hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute darf er von Dienstag bis Donnerstag drau\u00dfen bei seiner Freundin schlafen. Ben machte eine Ausbildung in der knasteigenen Polsterei, in der er auch arbeitet. Nach seiner Entlassung m\u00f6chte er sich mit seiner Freundin mit einer Polsterei selbst\u00e4ndig machen. Auch will er jetzt den F\u00fchrerschein machen. Fahren kann er schon, nur die Theorie ist f\u00fcr ihn eine Herausforderung. F\u00fcr Ben sind die Jahre im Knast reine Verschwendung. Aber zu der Erkenntnis kommen viele erst vor Ort, sagte er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem Gespr\u00e4ch kaufte ich noch ein paar Knastkekse und bedanke mich bei Ben und Frau Jensen f\u00fcr die Informationen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Reportage von Simon Mackel (8b). Der Artikel entstand im Rahmen des Zeitungsprojektes der 8. Klassen. Die Namen sind frei erfunden. Ich bin auf dem Weg zu einem Weihnachtsmarkt denn dort habe ich einen Termin mit Frau Jensen. Den Kontakt habe ich \u00fcber Telefon und Internet hergestellt. 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