{"id":927,"date":"2018-04-18T20:51:08","date_gmt":"2018-04-18T18:51:08","guid":{"rendered":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=927"},"modified":"2019-09-27T12:02:59","modified_gmt":"2019-09-27T10:02:59","slug":"leben-wir-in-einem-aufgeklaerten-zeitalter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fichtenblatt.de\/?p=927","title":{"rendered":"Leben wir in einem aufgekl\u00e4rten Zeitalter?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ein Beitrag von <strong>Lucie Frahm <\/strong>aus dem Leistungskurs-Deutsch Q2 (Kursleitung Fr. Lemme).<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seinem 1784 verfassten Essay \u201eWas ist Aufkl\u00e4rung?\u201c definiert Kant Aufkl\u00e4rung als den \u201eAusgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unm\u00fcndigkeit.\u201c Weiterhin fordert er die Menschen dazu auf, Mut zu haben, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen.<br \/>\nAn einer sp\u00e4teren Stelle im Text stellt Kant fest, dass die Menschen in keinem aufgekl\u00e4rten Zeitalter, aber in einem Zeitalter der Aufkl\u00e4rung leben. Nun stellt sich die Frage, wie aktuell diese mehr als 250 Jahre alte Einsch\u00e4tzung heutzutage ist.<br \/>\nIm Folgenden werde ich mithilfe von Kants Text ergr\u00fcnden, ob man das 21. Jahrhundert als ein aufgekl\u00e4rtes Zeitalter bezeichnen kann. (Dabei werde ich mich aber nur auf unsere westliche Gesellschaft beziehen)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Betrachtet man unsere heutige Gesellschaft, so f\u00e4llt auf, dass sie mehr von Skepsis als von blindem Vertrauen gepr\u00e4gt ist. Enorm ist heutzutage das Misstrauen gegen\u00fcber denen, die Kant als \u201eVorm\u00fcnder\u201c bezeichnete (dazu z\u00e4hlen z.B. Politiker*innen). Laut Kant sei es bequemer, wenn andere sich zu Vorm\u00fcndern erheben und man sich selbst somit nicht gen\u00f6tigt f\u00fchlen m\u00fcsse, vom eigenen Verstand Gebrauch zu machen. Doch inzwischen nehmen die Menschen in unserer Gesellschaft schon lange nicht mehr leichtfertig alles hin, was sogenannte Autorit\u00e4tspersonen erz\u00e4hlen.<br \/>\nDie Wissenschaft hat sich inzwischen weitestgehend gegen\u00fcber dem Glauben durchgesetzt; was faktisch gest\u00fctzt dargelegt wird, \u00fcberzeugt h\u00e4ufig am meisten.Zudem wird auch Politiker*innen mehr Kritik denn je entgegengebracht. Welche Partei kann man \u00fcberhaupt noch w\u00e4hlen, wer ist\u00a0 noch glaub- und vertrauensw\u00fcrdig? Nicht selten sind sich unzufriedene B\u00fcrger*innen sicher, dass sie den Job der Regierung viel besser erledigen k\u00f6nnen. Sch\u00fcler*innen hinterfragen h\u00e4ufig, was ihnen ihre Lehrer*innen in der Schule erz\u00e4hlen oder befehlen. Auch Patient*innen sind st\u00e4ndig auf der Hut, weil schon seit langem verbreitet wird, dass \u00c4rzt*innen vor allem darauf aus sind, ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heutzutage ist es offenbar jederzeit m\u00f6glich, sich selbst\u00e4ndig ohne einen Vormund aus unterschiedlichsten Quellen eine eigene Meinung anzueignen. Es scheint, als w\u00fcrde sich heutzutage niemand mehr etwas befehlen lassen. Wie man Kritik \u00e4u\u00dfert, lernt man schon fr\u00fch. Folglich sind wir inzwischen alle aufgekl\u00e4rt &#8211; oder?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Grunds\u00e4tzlich l\u00e4sst sich hinterfragen, was die Ursache f\u00fcr das st\u00e4ndige Aus\u00fcben von Kritik ist. Basiert das Misstrauen gegen\u00fcber Autorit\u00e4tspersonen und die \u00dcberzeugung, selber zu wissen, was f\u00fcr einen am besten ist, wirklich immer auf selbst erworbenen Wissen? Oder ist es vielleicht doch darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass uns eine solche Haltung schon von klein auf beigebracht wird?<br \/>\nFest steht, dass wir alle durch unser Umfeld gepr\u00e4gt werden. Somit basiert unsere Kritik nicht selten auf den Informationen und Meinungen, die uns am h\u00e4ufigsten im Alltag begegnen. Folglich gebrauchen wir seltener unseren eigenen Verstand, als wir es uns es gerne einreden. Hierbei spielt auch das Internet eine entscheidende Rolle. Zun\u00e4chst einmal ergibt sich eine selbstverschuldete Unm\u00fcndigkeit ganz einfach, wenn man gleich alles googelt, ohne selbst nachzudenken. H\u00e4ufig ist es bequemer, sich bei der Antwortsuche auf Google oder einen anderen Suchdienst zu verlassen. Doch wir bedenken zu selten, dass wir mit einer F\u00fclle von Informationen \u00fcberschwemmt werden, die die Differenzierung von Sinn und Unsinn erschwert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bevormundung durch das Internet ist besonders bei den j\u00fcngeren Generationen erkennbar. Heutzutage sind ber\u00fchmte Personen in sozialen Netzwerken die Vorbilder vieler Teenager*innen und f\u00f6rdern das exzessive Konsumverhalten unserer Gesellschaft. Die brandneue, hochgepriesene Make-Up-Kollektion? Muss gekauft werden. Das neueste Handy? Muss man haben. Das vom*von der Lieblings-Youtuber*in geschriebene Buch? Ebenso. Und im Zeitalter der Romantisierung von Suizid auf Websites wie Tumblr diagnostizieren sich manche Jugendliche selbst mit Depressionen und verb\u00fcnden sich mit Gleichgesinnten, ohne eine*n Mediziner*in aufzusuchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dieser Hinsicht sind der Konsumkapitalismus und die Digitalisierung die neuen, k\u00f6rperlosen Vorm\u00fcnder unserer Gesellschaft. Letztendlich bedeutet M\u00fcndigkeit in der heutigen Zeit, sich dar\u00fcber im Klaren zu sein, wer einen wirklich dazu bewegt hat, eine bestimmte Position einzunehmen, und in der Lage dazu zu sein, diese selbstst\u00e4ndig zu hinterfragen. Betrachtet man unsere Gesellschaft, so kann man letztendlich schlussfolgern, dass wir vielleicht in vielerlei Hinsicht aufgekl\u00e4rter sind als vorher, aber immer noch weit davon entfernt sind, in einem aufgekl\u00e4rtem Zeitalter zu leben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag von Lucie Frahm aus dem Leistungskurs-Deutsch Q2 (Kursleitung Fr. Lemme). In seinem 1784 verfassten Essay \u201eWas ist Aufkl\u00e4rung?\u201c definiert Kant Aufkl\u00e4rung als den \u201eAusgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unm\u00fcndigkeit.\u201c Weiterhin fordert er die Menschen dazu auf, Mut zu haben, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen. 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