Eine Rezension von Riana Bußmann (Q4).

„Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort. Unverzüglich.“ Diese Aussage des SED-Funktionärs Schabowski änderte das Schicksal eines ganzen Volkes. Innerhalb weniger Stunden versammelten sich zahlreiche DDR-Bürger*innen an den Grenzübergängen, um in das westliche Ausland zu reisen. Aber wie kam es letzten Endes am 9. November 1989 zum Fall der Mauer, die die Deutschen für 28 Jahre getrennt hatte?

Zum 25. Jahrestag dieses historischen Ereignisses veröffentlichte die ARD mit „Bornholmer Straße“ ein Drama, das sich am Roman „Der Mann, der die Mauer öffnete“ von Gerhard Haase-Hindenberg orientiert und den Schicksalstag der Deutschen wieder zum Leben erweckt. Der Spielfilm erzählt „die unglaubliche, aber wahre Geschichte von Oberstleutnant Harald Schäfer“ (Charly Hübner), der wie gewohnt seinen Aufgaben als Grenzpostenleiter nachgeht, bis er zufällig die Pressekonferenz mit Günter Schabowski im Fernsehen sieht. Kurz darauf tauchen die ersten Bürger*innen vor dem Schlagbaum auf, die verlangen die Grenze passieren zu dürfen. Bald werden es immer mehr und Schäfer bittet bei seinem Vorgesetzten Oberst Hartmut Kummer (Ulrich Matthes) um Anweisungen, dieser ist allerdings selbst ratlos. Auch unter Schäfers Kollegen herrscht Uneinigkeit, wie man angemessen mit der sich zuspitzenden Lage umgehen soll.

Es entsteht ein Szenario, das den*die Zuschauer*in trotz des bekannten Ausgangs mitreißt, denn die Grenzbeamten befinden sich im Zwiespalt zwischen Befehlen und ihren Gefühlen. Vor allem die Entwicklung von Schäfer ist dabei im Fokus, der zu Beginn an seinem Lebenswerk, der Grenze, festhalten und diese um jeden Preis verteidigen will, dann aber zu Zweifeln beginnt und sich durch das Ohnmachtsgefühl zu einer drastischen Entscheidung gezwungen sieht. Bemerkenswert ist dabei, dass er im Vergleich zu seinen Kollegen, die sogar bereit sind, das Feuer auf die Menge zu eröffnen oder sich auf Handgemenge mit den Demonstrierenden einlassen, rational versucht, eine Entscheidung zu treffen, die er für sich verantworten kann. Parallel dazu sieht man immer wieder Oberst Kummer, der sich in seiner Verzweiflung wiederholt Cognac einschenkt und auf weitere Anrufe seiner Grenzposten wartet. Schließlich befiehlt er, die vehementesten Demonstranten ausreisen zu lassen und sie daraufhin insgeheim auszubürgern. Hier wird die Spannung zwischen Zusammenbruch eines überholten Systems und dem daraus resultierenden Aufbruch besonders deutlich. Gerade die letzte Szene, in der Schäfer nach Hause kommt und seiner Frau davon erzählt, er habe die Grenzen geöffnet, worauf diese nur bemerkt, darüber mache man keine Scherze, zeigt, dass an diesem Tag das Unmögliche möglich wurde, durch einen Mann, der sich von der Führung im Stich gelassen fühlte und sich schließlich gezwungen sah, die Grenzen für alle zu öffnen.
Die ungewohnte Perspektive eines Grenzpostens, die die Drehbuchautoren Heide und Rainer Schwochow hier wählen, ist dabei besonders interessant, denn viele dürften die Bilder von feiernden Menschen an und auf der ehemaligen Grenze kennen, wie es aber genau zu der Entscheidung kam, wird selten beleuchtet. Allerdings sind die Grenzer vielmehr Sympathieträger als ernstzunehmende Staatsdiener, die nicht wirklich zu Gewaltanwendung bereit scheinen. Diese Wahrnehmung ist historisch gesehen wohl etwas ungenau, da damals durchaus die Gefahr bestand, Waffen auf die Zivilist*innen zu richten. Der gesamte Film besticht durch authentische Szenenbilder, die die Tristesse des Grenzalltags verdeutlichen und eine bedrückende Stimmung erzeugen, die aber immer wieder durch komische Elemente aufgebrochen wird. So zum Beispiel durch den Hund, der plötzlich auftaucht und die Beamten in Atem hält. Bereits an dieser Stelle wird die Absurdität der Ein- und Ausreisereglungen deutlich.

Insgesamt stellt der Film eine gelungene Ausnahme von nostalgischen Wiedervereinigungsszenen dar, eine zu Beginn seicht daher kommende Tragikomödie, die die Maueröffnung aus einer ganz anderen Perspektive zeigt und daher wieder interessant macht. Ausgezeichnet mit dem Bambi in der Kategorie TV-Ereignis des Jahres, haben die Autoren hier einen eindrucksvollen und zugleich unterhaltsamen Film geschaffen, den ich persönlich nur weiter empfehlen kann.