Eine Rezension von Melina Charokopaki (Q4).

„Das Leben der Anderen“ – ein Film, der bei den meisten große Bewunderung auslöst, und in aller Munde gelobt wird. Wer an der deutschen Geschichte interessiert ist, kommt an ihm zweifellos nicht vorbei. Mit seinem Politdrama zur deutsch-deutschen Teilung gewann Florian Henckel von Donnersmarck schließlich nicht grundlos einen Oscar (2007) für den besten fremdsprachigen Film. Doch wie gut kommt das kulturhistorische Erbe der geteilten Nation tatsächlich rüber?

Der Film wird aus der Sicht des Stasi-Hauptmanns Gerd Wiesler erzählt, der als überzeugter Sozialist sein Leben „der Partei” gewidmet hat. Über die Arbeit hat er alles andere vernachlässigt und sein einziger Lebensinhalt besteht aus dem Abhören anderer Leute – dem Leben der Anderen. Im Film übernimmt er die Abhörung des Autors Georg Dreymann und seiner Freundin Christa-Maria Sieland, die aus der linken Künstlerszene stammen. Dreymann ist ein Grenzgänger und hat sich mit der Regierung gut gestellt, ist jedoch insgeheim kein Befürworter des Systems. Je länger Wiesler ihr Leben verfolgt, desto mehr sympathisiert er mit Dreymann und entdeckt, wie sehr er sich etwas Ähnliches wünscht. Durch das Vertuschen einiger gefährlicher Details hilft Wiesler dem Paar immer wieder aus der Klemme, wodurch ihre widerständigen Aktionen geheim bleiben. Christa-Maria Sieland bringt sich am Ende um, Georg Dreymann entkommt jedoch um Haaresbreite und kann bis zum Mauerfall unauffällig weiterleben. Nachdem die Mauer gefallen ist, sieht Dreymann seine Stasi-Akte ein und findet heraus, dass Wiesler dem ahnungslosen Paar die ganze Zeit über verdeckt geholfen hatte. Er schreibt einen Roman über seine Geschichte, den er Wiesler widmet, und den dieser in der letzten Szene auch entdeckt und kauft.

Einer der spannendsten Aspekte an dem Film sind die Charaktere, da insbesondere Wiesler eine große Entwicklung durchmacht. Er ist ein greifbarer Charakter, der zu Anfang unsympathisch und kalt erscheint, im Handlungsverlauf jedoch immer mehr Schwächen zeigt und dadurch Dimension bekommt. Aufgrund seiner Sympathie zu Dreymann und des angedeuteten Seitenwechsels, der damit verbunden ist, verliert er seine hohe Position bei der Stasi und fristet den Rest seines Berufslebens mit einer Fleißarbeit. Auch nach dem Mauerfall schafft er es nicht, eine bessere Stelle zu finden und muss schlussendlich Zeitungen austragen. Dennoch ist er an den Geschehnissen gewachsen, was besonders am letzten Satz deutlich wird. Als Wiesler das Buch mit der Widmung an ihn entdeckt sagt er: „Das ist für mich.” Damit legt er sein Dasein als Hintergrund-Figur im Leben der Anderen ab und hat endlich etwas eigenes.

An Wieslers Beispiel wird besonders das breite Netz der Stasi deutlich und auch die Lebensverhältnisse in der DDR werden hier indirekt angesprochen. Der*Die Zuschauer*in bekommt dadurch einen guten Eindruck von der Ambiguität und Hinterhältigkeit des Systems. Das Besondere an dem Film ist, dass der geschichtliche Hintergrund zwar sehr gut vermittelt wird, im Vordergrund allerdings die Charaktere und deren Handlungen stehen. Dadurch verliert er jedoch keineswegs seinen geschichtskulturellen Anteil. Dieser wird durch Wieslers Geschichte lediglich betont, obwohl nicht der belehrende Ton eines Lehrfilms mitschwingt.

Trotz der Tatsache, dass die Geschichte kein allumfassendes Happy End hat, hinterlässt der Film den*die Zuschauer*in mit einem guten Gefühl. Besonders der letzte Satz ist bewegend und verleiht dem Film etwas rundes, da auch Wiesler als „einsame Seele” endlich Frieden finden kann.

Auch in der Machart entspricht das Werk keineswegs einem Hollywood-Blockbuster. Musik und Schnitt sind zurückhaltend und betonen den wichtigen Inhalt an den richtigen Stellen. Dennoch ist der Film nicht minder spannend, dafür sorgen herausragende Schauspieler*innen und die realistisch bedrohliche Darstellung der Stasi.

„Das Leben der Anderen” ist ein Film der Zwischentöne, ein Film über die menschliche Psyche und über ein System der Unterdrückung. Dem*der Zuschauer*in wird auf unaufgeregte Weise ein wichtiger Teil Geschichtskultur vermittelt und gleichzeitig etwas in Sachen Menschlichkeit beigebracht. Florian Henckel von Donnersmarck rekreiert die DDR aus Nuancen und schafft somit einen Film, der nicht nur seines Oscars würdig ist, sondern auch der deutschen Geschichte gerecht wird.