Ein Beitrag von Emma Paunovic (Q4). Dieser Text entstand im Rahmen des Geschichtsgrundkurses Q4.

Der US-Präsident Ronald Reagen bezeichnete nach dem Ende des Vietnamkriegs öffentlich den Krieg als „in truth a noble war“. Rückblickend auf die hohen Zahlen der gefallenen Soldat*innen und getöteten Zivilisten, sowie die massenhafte Aussetzung von Agent Orange, scheint die Bezeichnung „noble“ also „edel“ für den Krieg unpassend. Doch was veranlasste den US-Präsidenten diese Bezeichnung zu wählen? Gab es Aspekte des Krieges , die durchaus edel waren?

Der Vietnamkrieg gehörte zu den Stellvertreterkriegen des Ost-West-Konfliktes. In den Augen der amerikanischen Regierung war er ein notwendiges Mittel zur Einschränkung des Kommunismus. Die USA sah im Kommunismus die Freiheit und das Selbstbestimmungsrecht der Länder gefährdet. So verdeutlichte der ehemalige US-Präsident Lyndon B.Johnson in einer öffentlichen Rede am 07. April 1965, dass der Vietnamkrieg lediglich zur Verteidigung der Unabhängigkeit und Freiheit Südvietnams diene. Es sei die Verpflichtung der USA, in Vietnam zu intervenieren, da sonst das Vertrauen der Völker missbraucht worden wäre und dies in Angst und möglicherweise sogar Krieg münden würde. Aus Sicht der amerikanischen Regierung waren die Ziele und Beweggründe der USA zum Wohle Vietnams und somit wäre die Bezeichnung „noble“ legitim.
Der amerikanische Senator J. William Fullbright widersprach dieser Sichtweise in einer Rede im Senat am 08. August 1967. Das Führen eines Krieges gegen ein unschuldiges Land, würde die Gewaltsamkeit und unkoordinierte Machtnutzung der amerikanischen Regierung widerspiegeln. Dies würde nicht den Wertvorstellungen entsprechen, an welche Protestant*innen im Sommer 1967 in Detroit einen Anspruch hegten. Diese Werte waren unter anderem soziale Gerechtigkeit, Demokratie und Freiheit. Der Vietnamkrieg würde somit nicht im Sinne der Bedürfnisse der Bevölkerung liegen und sei somit nicht „noble“.
In den USA kam es außerdem zu Antikriegsdemonstrationen. Es formierten sich Gruppen und Organisationen, die durch die Weigerung zum Militärdienst und öffentliche Demonstrationen versuchten, den Krieg zu boykottieren. Abgesehen von den Forderungen, den Krieg zu beenden und die Soldaten nach Hause zu schicken, äußerten sie ihre Empörung über die Kriegsführung. Die amerikanische Kriegsführung zeichnete sich durch massive Luftangriffe und dem Einsatz von giftigen Chemikalien aus. Maßnahmen, unter denen vor allem die zivile Bevölkerung Vietnams leiden musste. Neben den hunderttausenden gefallenen Soldat*innen, starben mindestens zwei Millionen vietnamesische Zivilisten und zwei Millionen Liter giftiger Chemikalien wurden freigesetzt. Aus Sicht der Protestierenden legitimierten die Motive für den Krieg nicht die verheerenden Folgen, die die Bevölkerung Vietnams tragen musste. Gleichermaßen wie der Senator J. William Fullbright sahen sie die Kriegsführung der Regierung als barbarisch und unkontrolliert an. Außerdem sei der Krieg nicht zum Wohle Vietnams oder der amerikanischen Bevölkerung, sondern lediglich eine weitere Konfrontation zwischen Ost und West. Aus ihrer Perspektive wäre also der Begriff „noble“ in keinem Fall legitim.
Unter Berücksichtigung der oben angeführten Perspektiven, würde ich der Sichtweise Lyndon B. Johnsons widersprechen und mich der Sichtweise der Antikriegsdemonstranten und des Senators J. William Fullbrights anschließen. Der Vietnamkrieg hat letztendlich nicht zur Verteidigung Süd-Vietnams beigetragen, sondern zu seiner Zerstörung und zur Zerstörung Nord-Vietnams. Abgesehen von dem Fakt, dass die USA den Krieg verloren hat, sind die Qualen, die die vietnamesische Bevölkerung erdulden musste, untragbar. Der neunjährige Krieg zerstörte nicht nur die Ländereien Vietnams, sondern hinterließ ebenfalls Millionen von Familien, die um verstorbene Angehörige trauerten. Zu erwähnen ist an dieser Stelle ebenfalls die widersprüchliche Aussage von Lyndon B. Johnson, dass das Nicht-Eingreifen in Vietnam zur weltweiten Angst und schließlich auch Krieg führen würde. Die Warnung vor einem Krieg ist widersprüchlich, da die USA zu dem Zeitpunkt bereits einen Krieg führte. Der Vietnamkrieg war der längste Krieg der USA und verursachte mehr Schäden, als man sich hätte erdenken können. Er erzeugte weltweites Entsetzen über die unbegrenzte Gewaltsamkeit der Machtblöcke. Die USA und die Sowjetunion verursachten die Zerstörung des Landes auf wirtschaftlicher, ökologischer und sozialer Ebene. Die zurückkehrenden Veteran*innen, litten unter schwerwiegenden Traumata, Drogenabhängigkeit und starken psychischen Erkrankungen. Das Verhalten der Soldat*innen, welche unter anderem schon während des Krieges die Hoffnung verloren und sich den Befehlen teilweise verweigerten, zeigte das selbst die kämpfenden Amerikaner*innen sich nicht mehr bewusst waren, für welchen Zweck sie kämpften.
Die Bezeichnung „noble“ von Ronald Reagen für den Vietnamkrieg ist meiner Meinung nach in keinem Falle legitim. Die amerikanische Regierung zeigte in diesen neun Jahren Verantwortungslosigkeit, Gewalt und Disziplinlosigkeit und in keinem Aspekt ein „edles“ Verhalten. Tatsachen, die dem demokratischen, sozialen gerechtem und für die Freiheit kämpfendem USA-Bild widersprechen. Das Schicksal, das Vietnam traf, zeigte, was die stärksten Waffen der Welt in den Händen einer Großmacht anrichten können und während des Vietnamkriegs waren dies in keinem Fall Taten, die man als „noble“ bezeichnen sollte.