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Lehrerbeitrag: „How dare we!?“ Warum Klimaschutz wehtun muss

Der folgende Artikel wurde zuvor in der 1. Ausgabe des gedruckten Fichtenblattes veröffentlicht.
Richard Bartsch ist Lehrer an der Fichtenberg-Oberschule und unterrichtet die Fächer Deutsch und Geographie.

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„How dare we!?“ Warum Klimaschutz wehtun muss

Greta Thunberg und die „Fridays-for-Future“-Bewegung wurden in den Medien bereits aus sämtlichen Richtungen kritisiert, gelobt, angefeindet oder verlacht – was man der Bewegung aber zweifelsohne zugutehalten kann, ist, dass das Thema Klimaschutz wieder so präsent ist wie nie. Denn auch der Druck auf die Politik steigt, endlich etwas Konkretes gegen den Klimawandel zu tun.

Doch die Proteste gegen politische Lethargie und für konkreten Klimaschutz bergen eine Gefahr: Man macht es sich viel zu einfach!

Der „How dare you!“-Ansatz (deutsch: „Wie könnt ihr es wagen!“) fördert das Freund-Feind-Schema auf erschreckende Weise. Schuld am Klimawandel sind demnach Politik, die den CO2-Ausstoß nicht ausreichend begrenzt, und Industrie, die sich dem Klimaschutz stärker verschreiben sollte. Unter dieser vermeintlichen Inkompetenz und Handlungsunfähigkeit leidet der normale Bürger, der gegen „die da oben“ nichts auszurichten vermag.

Ein wesentlicher Grundsatz droht dabei aus dem Fokus zu geraten: Letztendlich ist es unser Lebensstil, das Lebensniveau, das wir einfordern, welches den Klimawandel beschleunigt. Industrie, Politik und Handel existieren nicht im luftleeren Raum, sie orientieren sich an unseren Wünschen – und die sind in einer reichen westlichen Konsumgesellschaft wie der deutschen nicht gerade gering.

Verschiedene Studien zeigen, dass zum Beispiel gerade Jugendliche auf Fast Fashion (günstige Kleidung, die in regelmäßigen kurzen Abständen neu gekauft wird) setzen, obwohl ihnen die für Natur und Mensch problematischen Herstellungsbedingungen in Asien und der CO2-erzeugende Transport um die halbe Welt bekannt sind. Nachhaltige Mode ist halt einfach nicht cool genug.

Ebenso verhält es sich mit der Ernährung: Wir sind es gewohnt, das ganze Jahr über alles essen und trinken zu können, worauf wir gerade Lust haben. Am Sonntag zum Brunch die leckere Avocado-Guacamole, einen Orangensaft oder Kakao dazu – warum konsumieren wir dies, obwohl wir wissen, dass nichts davon aus Deutschland stammt? Auch diverse Nachhaltigkeitssiegel ändern nichts an der Tatsache, dass große Flächen tropischen Regenwalds für Bananen, Palmöl oder Kaffee unwiederbringlich gerodet werden – eine Katastrophe für das globale Klima.

Klimatechnisch wirklich kritisch wird es bei der Verwendung von Smartphones und PCs: Nicht nur deren Herstellung verschlingt wertvolle Ressourcen, auch der (Dauer!-) Betrieb benötigt immer mehr Energie. Der CO2-Ausstoß, der jährlich in Deutschland nur durch Computer- und Internetnutzung erzeugt wird, gleicht dem ganz Kroatiens. Dass Jugendliche ihr Smartphone im Schnitt alle zwei Jahre durch ein neues Modell ersetzen, verbessert diese Bilanz nicht wirklich.

Diese Liste ließe sich mit vielen anderen Beispielen fortsetzen, mündet aber in eine unbequeme Erkenntnis: Wir müssen uns in unserer Lebensweise teils drastisch beschränken, um die Natur zu bewahren und das Klima zu schützen.

Dabei kann die Politik tatsächlich wertvolle Hilfe leisten: Fleisch müsste beispielsweise deutlich teurer werden, ebenso das Fliegen, welches nach wie vor vom Staat subventioniert wird. In diese Kategorie gehört auch der Verkehr: Der Staat müsste demnach konkrete Antworten auf die Frage finden, inwiefern man eine Tonne Stahl und Kunststoff braucht, um von A nach B zu kommen.

In diesen Fragen geht es aber nicht nur um staatliche Regulierung, sondern auch um die unserer persönlichen (Konsum-) Freiheit, also letztendlich um die Frage: „How dare we?“ – Wie können wir es wagen, so zu leben?

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