Allgemein, Geschichte

Der Vietnamkrieg 1964-1973 – „in truth a noble war“? (2023-II)

Anti-Vietnam War protest March from U.S. Consulate 7 Wynyard Street to Hyde Park, Sydney, NSW, 1 February 1966. URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Anti-Vietnam_War_protest_March_from_U.S._Consulate_7_Wynyard_Street_to_Hyde_Park,_Sydney,_NSW_09.jpg

Ein Beitrag von Malin Bösl (Q4). Dieser Text entstand im Rahmen des Geschichtsgrundkurses Q4 (Fachlehrkraft: Hr. Lang; Schuljahr 2022/2023). Das Unterrichtsmaterial kann aus rechtlichen Gründen hier nicht veröffentlicht werden.

Der Vietnamkrieg folgte auf den Krieg zwischen der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich und der vietnamesischen Befreiungsbewegung, der mit der Niederlage Frankreichs 1954 endete und zur Teilung des Landes führte. Zunächst war der Vietnamkrieg ein Bürgerkrieg, der sich nach dem Eintreten externer Kriegsparteien wie z.B. den USA 1964 zu einem Krieg ausweitete, der nach dem Rückzug der USA (1973) schließlich 1975 endete. Nach dem Sieg des kommunistischen Nordvietnam über Südvietnam 1975 kam es schließlich zur Wiedervereinigung als Sozialistische Republik Vietnam 1976.

Im Vietnamkrieg standen sich ab 1955 kommunistische Kräfte, die von Nordvietnam (später auch von der Sowjetunion und China) unterstützt wurden, und südvietnamesische Kräfte gegenüber. In den frühen 1960er Jahren begannen vor allem die USA, direkte militärische Unterstützung für Südvietnam bereitzustellen, einschließlich der Entsendung von Bodentruppen. Im Laufe der nächsten Jahre wuchs das US-Militärkontingent schnell an und erreichte im Jahr 1968 einen Höhepunkt von rund 500.000 Soldaten.

Der Krieg war von Guerillakämpfen und asymmetrischer Kriegsführung geprägt, was bedeutete, dass die Nordvietnamesen und ihre Verbündeten, die Viet Cong, auf taktische Flexibilität und gezielte Angriffe setzten, um ihre Ziele zu erreichen. Die US-Truppen waren oft in konventionellen Kämpfen gefangen und führten massive Bombenangriffe durch, um den feindlichen Widerstand zu brechen.

In den späten 1960er Jahren wandelte sich die öffentliche Meinung in den USA gegen den Krieg und Präsident Richard Nixon startete eine Strategie der „Vietnamisierung“, bei der die Verantwortung für den Krieg an die südvietnamesischen Streitkräfte übergeben wurde. Im Jahr 1973 wurde ein Abkommen zwischen den USA und Nordvietnam geschlossen, das einen Waffenstillstand vorsah, aber der Krieg ging in Südvietnam weiter.

1975 fiel schließlich Saigon, die Hauptstadt Südvietnams, und der Krieg endete mit einer Niederlage der USA und ihren südvietnamesischen Verbündeten. Der Krieg forderte schätzungsweise 1,5 bis 3 Millionen Menschenleben und führte zu großen politischen und sozialen Veränderungen in Vietnam und den USA.

Mitte der 1980er bezeichnete der damals amtierende US-Präsident Ronald Reagan den Vietnamkrieg als „In truth a noble war“, also als „einen wahrhaft edlen Krieg“. Das bedeutet, dass der Krieg legitim und moralisch notwendig war und dass er im Interesse des globalen Gemeinwohls und der Weltgemeinschaft geführt wurde.

Aus heutiger Perspektive kann argumentiert werden, dass der Vietnamkrieg ein Ergebnis der geopolitischen und ideologischen Spannungen des Kalten Krieges war. Die USA betrachteten den Konflikt als Teil eines globalen Wettbewerbs zwischen Kapitalismus und Kommunismus und unterstützten daher die südvietnamesische Regierung im Kampf gegen die nordvietnamesische Armee und ihre Unterstützer. Die USA verfolgten eine Politik der Eindämmung des kommunistischen Expansionismus und befürchteten, dass ein erfolgreicher kommunistischer Aufstand in Vietnam zu einem Dominoeffekt in der gesamten Region führen würde.

Die US-Regierung begründete ihre militärische Intervention in Vietnam auch mit moralischen Argumenten. Sie argumentierte, dass sie Demokratie, Freiheit und Menschenrechte gegen die Bedrohung durch den Kommunismus verteidigen müsse. In diesem Sinne betrachteten einige US-Bürger den Krieg als „noble“ (edel), weil er als notwendig und moralisch gerechtfertigt angesehen wurde.

Allerdings wird diese Position von vielen Historikern und der Mehrheit der Bevölkerung in den USA und auf der ganzen Welt bezweifelt. Denn zunächst war der Vietnamkrieg ein verheerender Konflikt, der sowohl für die vietnamesische Bevölkerung als auch für die USSoldaten katastrophale Auswirkungen hatte. Mehr als drei Millionen Menschen starben in dem Konflikt, darunter viele unschuldige Zivilisten. Die Verwendung von „Agent Orange“, einem chemischen Entlaubungsmittel, durch die USA vernichtete nicht nur große Teile des Laubes der Wälder und von Biodiversität. Nach Schätzungen des Roten Kreuzes führte es auch dazu, dass nach dem Krieg bis zu eine Million Vietnamesen an gesundheitlichen Schäden durch Spätfolgen von Agent Orange leiden, darunter etwa 100.000 Kinder mit angeborenen Fehlbildungen.

Nach der Teilung Vietnams war die südvietnamesische Regierung instabil und es war unklar, ob sie die Unterstützung der Bevölkerung hatte. Die US-Regierung unterstützte die südvietnamesische Regierung und intervenierte schließlich militärisch, ohne die Folgen ihrer Handlungen und das Potenzial für eine Eskalation des Konflikts angemessen zu beurteilen. Darüber hinaus gab es Vorwürfe von Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen, die von US-Truppen begangen wurden, einschließlich des My Lai-Massakers mit über 500 toten Zivilisten, das die Welt schockierte.

Meines Erachtens war der Vietnamkrieg kein „noble war“, kein wahrhaft edler Krieg, sondern ein klassischer Stellvertreterkrieg im Kalten Krieg, bei dem es um die politische, militärische und wirtschaftliche Vorherrschaft der USA gegenüber der kommunistischen Sowjetunion ging. Um die Akzeptanz in der Bevölkerung für den Krieg zu erhöhen, hatte man ihn als Krieg gegen den Kommunismus bezeichnet, der den amerikanischen Prinzipien von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten widerspricht und auf diese Weise moralisch legitimiert.
Aufgrund fehlender Erfahrungen in der Region hat die US-Regierung den Konflikt falsch eingeschätzt und deshalb falsche strategische Entscheidungen getroffen, mit gravierenden Folgen für Millionen von Menschen. Dabei hätte die US-Regierung meines Erachtens auch andere Möglichkeiten gehabt, den Konflikt zu lösen, ohne militärisch zu intervenieren. Diplomatische Bemühungen und eine stärkere Unterstützung der südvietnamesischen Regierung hätten möglicherweise zu einem anderen Ergebnis geführt. Darüber hinaus war der Einsatz von chemischen Entlaubungsmitteln und anderen Waffen (wie Streubomben) mit verheerenden Folgen für Menschen und Umwelt ein beispielloses Verbrechen und keineswegs „noble“.

Die moralischen und ideologischen Argumente, die von der US-Regierung verwendet wurden, um ihre Handlungen zu rechtfertigen, müssen kritisch hinterfragt werden. Meines Erachtens ging es den USA im Vietnamkrieg weniger um einen Kampf für die Freiheit und die Demokratie, sondern eher um ein Eindämmen des zunehmenden Einflusses der kommunistischen Sowjetunion und von China und es ging um die US Vorherrschaft in der Region. Hierfür starben viele Menschen, unter ihnen viele unschuldige Zivilisten. Diesen Krieg als „noble“ zu bezeichnen, darf daher bezweifelt werden.
Darüber hinaus hatte der Vietnamkrieg auch tiefgreifende Auswirkungen auf die amerikanische Gesellschaft und die Weltordnung. Schließlich war er einer der längsten und umstrittensten Konflikte in der US-Amerikanischen Geschichte. Er führte außerdem zu einer zunehmenden Spaltung und Polarisierung in der amerikanischen Gesellschaft, da viele Menschen gegen den Krieg protestierten und dessen moralische Legitimität in Frage stellten.
Der Vietnamkrieg förderte dabei soziale Bewegungen für Bürgerrechte und soziale Gerechtigkeit und trug dazu bei, die politische Landschaft in den USA zu verändern. Außerdem beeinflusste der Konflikt auch die Ausrichtung der US-Außenpolitik und die Beziehungen zu anderen Ländern. Denn der Vietnamkrieg wurde zugleich zum Symbol für die Unfähigkeit der USA, ihre militärische Überlegenheit zu nutzen, um globale Konflikte zu lösen und führte zu Misstrauen und Feindseligkeit gegenüber den USA bei. Aus heutiger Perspektive halte ich den Vietnamkrieg und die Beteiligung der USA daran (1964-1973) für einen verheerenden Konflikt mit katastrophalen Auswirkungen und millionenfachem Leid. Es ist wichtig, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und sicherzustellen, dass es nie wieder zu solchen Konflikten kommt.

Quellen (letzter Zugriff jeweils am 03.03.2023):
https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/das-junge-politiklexikon/321344/vietnamkrieg/
https://www.mdr.de/geschichte/zeitgeschichte-gegenwart/politikgesellschaft/chronik-vietnamkrieg-100.html
https://www.hdg.de/lemo/kapitel/geteiltes-deutschlandmodernisierung/internationale-entwicklungen/vietnam-krieg.html
https://www.welt.de/geschichte/article140194483/Sechs-Gruende-warum-die-USAin-Vietnam-verloren.htm