Ein Einblick in eine Stadtführung im Rahmen des SoR-Tages an der Fichte
Von Linn Fischer
„Ich war dann mit meinen beiden Freunden da im Hotel, der eine war Dealer. Abends kam ein chinesisches Paar vorbei, die richtig gutes Zeug dabei hatten. Sie wollten uns was als Geschenk anbieten, aber meine Freunde lehnten ab. Doch dann war ich kurz allein mit dem Paar und fragte sie, ob ich nicht was haben könnte. Mein Freund war ja sehr heroinabhängig und hätte sich bestimmt gefreut. Aus irgendeinem Grund blieb etwas an meinem Finger hängen und ich probierte. Seit dem Tag war ich abhängig.“
Im Rahmen des SOR-Tages an der Fichtenberg-Oberschule nehmen heute, am 11. Juni 2026, Schüler:innen des 9. bis 11. Jahrgangs an einer Stadtführung teil. Aber es ist keine ganz normale Touri-Rundführung. Unsere Stadtführerin ist nämlich Petra Elten. Sie war 38 Jahre lang heroinabhängig und teilweise dann auch obdachlos. Durch die Organisation „querstadtein“ kann sie ihre Geschichte nach draußen tragen. Wie sie den Kampf gegen die Droge überstanden hat, erzählt sie uns bei einer Stadtführung am Hauptbahnhof.
Um 10 Uhr stehen wir vor einem großen Gebäude von querstadtein. Als Petra kommt, werden erstmal noch die Kopfhörer getestet. Nachdem sie sich kurz vorgestellt hat, entschuldigt sie sich bei uns, dass sie mit einer ganzen Mappe rumlaufen muss. Wegen ihrer Heroinabhängigkeit kann Petra sich nur noch ganz schlecht konzentrieren und ist sehr vergesslich.
Nachdem sie uns etwas über die Notunterkünfte erklärt hat, führt sie uns ein Stück weiter um das Gebäude herum. Dort berichtet sie über ihren Einstieg in die Drogen. „Mein Vater war Auslandskorrespondent für eine deutsche Zeitung in Ägypten. Als sich meine Eltern trennten, zog ich mit meiner Mutter und meiner kleinen Schwester nach Rom. Mit vierzehn Jahren bin ich dann zu Drogen gekommen.“ Petra berichtet, dass sie einfach nicht mehr zur Schule wollte. Nachdem sie dann ihren Realschulabschluss geschafft hatte, ging sie von zu Hause weg nach Amsterdam. Mit einem falschen Ausweis, der besagte, dass sie 18 war, kam sie dort bei Freunden unter.
Etwas später kommen wir zum Hauptbahnhof. Petra erzählt, wie sie und ihr Mann hier recht friedlich gelebt haben, bis die Bandengruppen kamen. Ab da war der Bahnhof unsicher. Immer wieder gab es Bandenstreits, es wurde sehr viel geklaut und immer öfter gab es Zusammengeschlagene. Als Obdachlose fühlte sie sich machtlos. Irgendwann gab es dann eine riesige Prügelei zwischen zwei Banden. Es kamen unzählige Krankenwagen und Polizeiautos. An dem Tag konnte sie mit der Polizei sprechen, die ihr versicherte, dass sie immer mit Anklagen zur Polizei kommen könnte.
Als wir uns an die Spree setzen, berichtet sie über ihren Einstieg ins Heroin. Als ein chinesisches Dealer Paar ihr Heroin anbietet, hat sie eigentlich nur ein wenig für ihren Freund mitnehmen wollen, doch dann probiert sie ein ganz bisschen selbst. Sie ist sofort abhängig. Noch aber nicht obdachlos. Etwas später heiratet sie ihren Freund, mit dem sie nach Italien zieht. Beide sind zu diesem Zeitpunkt schwer heroinabhängig. Trotzdem ist er Geschäftsmann und recht erfolgreich. Doch als er durch seine Abhängigkeit an Krebs stirbt, verliert sie alles. Petra wird obdachlos.
Für ein Drogenentzugsprojekt zieht Petra schließlich nach Berlin. Aber sie hält das Programm nicht lange aus, zieht lieber auf die Straße. Doch als Obdachlose habe sie sich nie bezeichnet. Sehr ungern schläft sie auf den unsicheren kalten Böden Berlins. Dort lernt sie ihren späteren Mann kennen und durch einen Freund gelangen die beiden zu einer Wohnung mit betreutem Wohnen. Das bedeutet, dass die beiden einmal die Woche mit einem Betreuer sprechen müssen.
Petra erzählt, dass es in den 38 Jahren keinen Tag gab, an dem sie nicht clean werden wollte. Mehrmals versuchte sie es, mehrmals musste sie scheitern. Aber eine Option kam für sie nie in Frage: Sich als „suchtkrank“ diagnostizieren zu lassen und den Rest ihres Lebens Heroin ärztlich verschrieben zu bekommen. Diese sogenannten Substitutionstherapien können verschrieben werden, weil Suchtkrank tatsächlich eine in Deutschland anerkannte Krankheit ist.
Mit ihrem Mann verkauft Petra schließlich Straßenfeger-Zeitungen. Für sie eine unglaublich erniedrigende Sache. Nach einiger Zeit stirbt auch ihr zweiter Mann durch Heroin an Krebs. Auf dem Sterbebett muss Petra eines versprechen: Clean zu werden. Und ein paar Jahre später schafft sie tatsächlich das Unmögliche: „Als hätte sich ein Schalter in meinem Kopf umgedreht. Die ersten zehn Tage waren unglaublich schwer. Einmal war ich so schwach, dass ich zwei Tage hintereinander bei Freunden auf der Straße geschlafen habe, weil ich nicht mal mehr zu meiner Wohnung kam.“
Petra betont, dass man niemals erst mit Drogen anfangen sollte. Manche Leute reagieren besonders extrem auf Drogen und können gar nicht mehr damit aufhören, so wie sie. Andere probieren Drogen und gehen weiter, ohne dass sie süchtig werden. „Aber man weiß eben nie, welcher Typ man ist.“