Ein Beitrag von Hanna Friederich und Martha Georgi (Q2). Dieser Artikel entstand im Rahmen des Leistungskurses Deutsch (Kursleitung: Fr. Lemme).

Kommen euch diese Ausdrücke bekannt vor? Im Zuge des Sprachwandels verbreiten sich diese und andere Redewendungen immer mehr, vor allem unter jungen Leuten und im städtischen Raum. In Linguist*innenkreisen hat das Phänomen schon einen Namen: Der durch Veränderungen der Grammatik, Lexik und Aussprache gekennzeichnete „urbane Dialekt“ wird dort „Kiezdeutsch“ genannt. Manche Kritiker*innen bezeichnen Kiezdeutsch jedoch als eine von Vereinfachungen und grammatikalischer Inkorrektheit geprägte „defizitäre Sprache“.

Laut dem Redakteur Matthias Heine ist diese Sprachart im Prinzip der „Jargon von Migrantenkindern“, der von deutschen Jugendlichen übernommen wurde. Teilweise hätten diese das Standarddeutsche nun verlernt, teilweise würden sie das Kiezdeutsch für Gruppenzugehörigkeits- und Abgrenzungszwecke und zur Provokation der Eltern verwenden, seien aber auch im Stande, je nach Situation in die Hochsprache zu wechseln.

Dass der Ursprung der neuen Sprachart im Einfluss anderer Sprachen liegt, darüber sind sich auch die Publizist*innen Wiese, Kaube und Krischke einig. Diese Sprachen sind vorrangig das durch die Globalisierung weit verbreitete Englisch sowie Türkisch, Arabisch und Russisch, was den engen Zusammenhang dieser Sprechweise mit der Migrationsgeschichte Deutschlands aufzeigt.

Die Nachkommen der Einwander*innen vermischen ihre Muttersprache mit dem oft nur mangelhaft gelernten Deutsch, wodurch Kiezsprache entsteht. Da die Verständigung mit dieser nicht gänzlich korrekten Sprache trotzdem weitestgehend funktioniert, besteht oft nicht viel Motivation, die Hochsprache zu erlernen. Dazu trägt auch die Tatsache bei, dass viele Kinder von Migrant*innen nicht regelmäßig mit dem Standarddeutschen in Berührung kommen, sprechen viele eingewanderte Eltern doch ebenfalls nur gebrochenes Deutsch.

Unabhängig von Herkunft oder Migrationshintergrund ist jedoch zu beobachten, dass Jugendliche zunehmend Wörter aus anderen Sprach- oder Kulturkreisen in ihre Umgangssprache integrieren, was auf den allgemeinen Sprachwandel und die Internationalisierung von Jugendkulturen zurück zu führen ist.

Der Bamberger Germanistikprofessor Helmut Glück bekundet, dass ein Großteil der Jugendlichen durchaus zwischen den verschiedenen Sprachregistern wechseln könne, dennoch äußert er Befürchtungen hinsichtlich der gesellschaftlichen Integration von bildungsärmeren Schichten. Genau wie Jürgen Kaube behauptet er, es sei nicht möglich, sich mit dem alleinigen Beherrschen des Kiezdeutschen im öffentlichen und privaten Leben zurechtzufinden. Zum Beispiel hätte man große Schwierigkeiten im Berufsalltag und bei formalen beziehungsweise bürokratischen Erledigungen wie Steuererklärungen oder Mietverträgen.

Um die Fähigkeit zur Verwendung der Standardsprache sicher zu stellen, plädieren beide Autoren deswegen dafür, in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen ausschließlich Hochdeutsch zu sprechen.

Heike Wiese, eine kontrovers diskutierte Sprachwissenschaftlerin, tritt für die Thematisierung des Kiezdeutschen im Grammatikunterricht ein, da sich die Schüler*innen in diesem Rahmen auch eher mit dem Standarddeutschen auseinandersetzen würden. Es sei wichtig, Kiezdeutsch als eine legitime Sprechart zu akzeptieren und somit die Schüler*innen ernst zu nehmen, statt sie für ihren alltäglichen und gewohnten Sprachgebrauch ausschließlich zu kritisieren.

Ein Cartoon mit dem Titel „Neulich im Deutschunterricht“ impliziert jedoch, dass Jugendliche auch trotz Behandlung der Problematik im Unterricht selbstverständlichen Gebrauch ihrer eigenen Sprachvariation machen.

Abgesehen davon wird am Kiezdeutsch auch kritisiert, es sei abwertend gegenüber Migrant*innen, denn nicht selten wird es als „Ausländerdeutsch“ angesehen, was Menschen mit Migrationshintergrund das Beherrschen von korrektem Deutsch abspricht.

Argumentationen wie diese haben mit dem sprachlichen Aspekt des Kiezdeutschen allerdings wenig zu tun, sie thematisieren eher die gesellschaftliche Funktion und die soziale Stellung der Sprecher*innen. Demnach handelt es sich hierbei um eine Form der Gesellschaftskritik und auch um eine politische Instrumentalisierung von Sprache.

Die bei Sprachwissenschaftler*innen und Kulturredakteur*innen zu beobachtende aufgeregte Auseinandersetzung über Kiezdeutsch erscheint wenig nachvollziehbar, gibt es doch keine Hinweise darauf oder gar Belege dafür, dass sich diese Sprachvariante verstetigt und ausbreitet: ihr Refugium sind Jugendliche, und wenn die zu Erwachsenen werden, werden sie auch wie Erwachsene sprechen.

Statt künstlicher Aufgeregtheit ist natürliche Gelassenheit gefragt – auch und gerade gegenüber einer Sprache, die so einen lockeren und unverkrampften Lifestyle transportiert.

Verwendete Quellen [Letzter Zugriff jeweils am 08.02.2018.]:
[1] Glück, Helmut (Interview: Lothar Schröder): Kiezdeutsch ist kein Dialekt. In: RP Online. URL: http://www.rp-online.de/kultur/kiezdeutsch-ist-kein-dialekt-aid-1.2801115
[2] Heine, Matthias: In Wahrheit ist Kiezdeutsch rassistisch. In: WELT.de. 30.06.2014. URL: https://www.welt.de/kultur/article129622721/In-Wahrheit-ist-Kiezdeutsch-rassistisch.html
[3] Kauber, Jürgen: Heute geh ich Diktat. In: FAZ.net. 28.02.2012.
URL: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatte-um-jugendsprache-heute-ich-geh-diktat-11664452.html
[4] Krischke, Wolfgang: Ischwör, morgen bin ich Arzt! In: FAZ.net. 14.04.2016. URL: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/kiezdeutsch-untersucht-von-soziolinguistin-diana-marossek-14167926.html
[5] Wiese, Heike: Kiezdeutsch rockt, ischwör! In: SPON. 29.03.2012.
URL: http://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/professorin-heike-wiese-verteidigt-den-jugendslang-kiezdeutsch-a-824386.html