Ein Beitrag von Lucie Frahm aus dem Leistungskurs-Deutsch Q2 (Kursleitung Fr. Lemme).

In seinem 1784 verfassten Essay „Was ist Aufklärung?“ definiert Kant Aufklärung als den „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.“ Weiterhin fordert er die Menschen dazu auf, Mut zu haben, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen.
An einer späteren Stelle im Text stellt Kant fest, dass die Menschen in keinem aufgeklärten Zeitalter, aber in einem Zeitalter der Aufklärung leben. Nun stellt sich die Frage, wie aktuell diese mehr als 250 Jahre alte Einschätzung heutzutage ist.
Im Folgenden werde ich mithilfe von Kants Text ergründen, ob man das 21. Jahrhundert als ein aufgeklärtes Zeitalter bezeichnen kann. (Dabei werde ich mich aber nur auf unsere westliche Gesellschaft beziehen)

Betrachtet man unsere heutige Gesellschaft, so fällt auf, dass sie mehr von Skepsis als von blindem Vertrauen geprägt ist. Enorm ist heutzutage das Misstrauen gegenüber denen, die Kant als „Vormünder“ bezeichnete (dazu zählen z.B. Politiker*innen). Laut Kant sei es bequemer, wenn andere sich zu Vormündern erheben und man sich selbst somit nicht genötigt fühlen müsse, vom eigenen Verstand Gebrauch zu machen. Doch inzwischen nehmen die Menschen in unserer Gesellschaft schon lange nicht mehr leichtfertig alles hin, was sogenannte Autoritätspersonen erzählen.
Die Wissenschaft hat sich inzwischen weitestgehend gegenüber dem Glauben durchgesetzt; was faktisch gestützt dargelegt wird, überzeugt häufig am meisten.Zudem wird auch Politiker*innen mehr Kritik denn je entgegengebracht. Welche Partei kann man überhaupt noch wählen, wer ist  noch glaub- und vertrauenswürdig? Nicht selten sind sich unzufriedene Bürger*innen sicher, dass sie den Job der Regierung viel besser erledigen können. Schüler*innen hinterfragen häufig, was ihnen ihre Lehrer*innen in der Schule erzählen oder befehlen. Auch Patient*innen sind ständig auf der Hut, weil schon seit langem verbreitet wird, dass Ärzt*innen vor allem darauf aus sind, ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Heutzutage ist es offenbar jederzeit möglich, sich selbständig ohne einen Vormund aus unterschiedlichsten Quellen eine eigene Meinung anzueignen. Es scheint, als würde sich heutzutage niemand mehr etwas befehlen lassen. Wie man Kritik äußert, lernt man schon früh. Folglich sind wir inzwischen alle aufgeklärt – oder?

Grundsätzlich lässt sich hinterfragen, was die Ursache für das ständige Ausüben von Kritik ist. Basiert das Misstrauen gegenüber Autoritätspersonen und die Überzeugung, selber zu wissen, was für einen am besten ist, wirklich immer auf selbst erworbenen Wissen? Oder ist es vielleicht doch darauf zurückzuführen, dass uns eine solche Haltung schon von klein auf beigebracht wird?
Fest steht, dass wir alle durch unser Umfeld geprägt werden. Somit basiert unsere Kritik nicht selten auf den Informationen und Meinungen, die uns am häufigsten im Alltag begegnen. Folglich gebrauchen wir seltener unseren eigenen Verstand, als wir es uns es gerne einreden. Hierbei spielt auch das Internet eine entscheidende Rolle. Zunächst einmal ergibt sich eine selbstverschuldete Unmündigkeit ganz einfach, wenn man gleich alles googelt, ohne selbst nachzudenken. Häufig ist es bequemer, sich bei der Antwortsuche auf Google oder einen anderen Suchdienst zu verlassen. Doch wir bedenken zu selten, dass wir mit einer Fülle von Informationen überschwemmt werden, die die Differenzierung von Sinn und Unsinn erschwert.

Die Bevormundung durch das Internet ist besonders bei den jüngeren Generationen erkennbar. Heutzutage sind berühmte Personen in sozialen Netzwerken die Vorbilder vieler Teenager*innen und fördern das exzessive Konsumverhalten unserer Gesellschaft. Die brandneue, hochgepriesene Make-Up-Kollektion? Muss gekauft werden. Das neueste Handy? Muss man haben. Das vom*von der Lieblings-Youtuber*in geschriebene Buch? Ebenso. Und im Zeitalter der Romantisierung von Suizid auf Websites wie Tumblr diagnostizieren sich manche Jugendliche selbst mit Depressionen und verbünden sich mit Gleichgesinnten, ohne eine*n Mediziner*in aufzusuchen.

In dieser Hinsicht sind der Konsumkapitalismus und die Digitalisierung die neuen, körperlosen Vormünder unserer Gesellschaft. Letztendlich bedeutet Mündigkeit in der heutigen Zeit, sich darüber im Klaren zu sein, wer einen wirklich dazu bewegt hat, eine bestimmte Position einzunehmen, und in der Lage dazu zu sein, diese selbstständig zu hinterfragen. Betrachtet man unsere Gesellschaft, so kann man letztendlich schlussfolgern, dass wir vielleicht in vielerlei Hinsicht aufgeklärter sind als vorher, aber immer noch weit davon entfernt sind, in einem aufgeklärtem Zeitalter zu leben.