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Farbenfrohe Heiterkeit

Von Lea Schmid (8c)

Die Lehrerin warf einen letzten Blick durch die verstummte Klasse. Ein niemand wagte einen weiteren Versuch, denn die Unbeholfenheit obsiegte. Ratlosigkeit spiegelte sich auf den Gesichtern der Schüler, nur ein Gesicht trotzte der Schmach. Eine Hand säumte sich im Himmel empor, bereit, das Unmögliche zu bezwingen. Die Hoffnung bereits verloren, nahm die Lehrerin die letzte Mutige ran und die unausgesprochenen Worte standen wie ein Dunst um sie herum. Wie erklärt man einem Blinden Farben?

Eine philosophische Frage, welcher sich viele gestellt hatten, aber alle verloren. Doch war es gar nicht sie, die dieser Antwort bedarf, sondern ein Junge, der neben ihr mit erhobenem Haupt und farblosen Augen stand. Das Mädchen erhob sich von ihrem Platz und ging auf den Blinden zu. Als sie begann zu sprechen, war ihre Stimme bedacht und wissend. „Bevor du sie sehen kannst, musst du verstehen, was sie sind.“ Sie ließ die Worte im Raum stehen und fuhr fort, „Farben sind Licht und Licht ist das Gegenteil von dem, was du siehst. Du siehst das Nichts, eine Leere, etwas, das nicht vorhanden ist und Licht ist das Gegenteil. Licht ist alles, das warme Gefühl auf deiner Haut, wenn die Sonne scheint, was du nicht einmal sehen kannst. Licht ist das hier“, sie berührte mit der Hand seinen Arm und die Wärme ihres Körpers übertrug sich auf seinen kalten. „Farben sind alles. Farben sind überall und allgegenwärtig. Alles um dich herum hat Farben. Jeder Gegenstand, den du berührst, jedes Gesicht, das du ertastest, jeder Fussel, der deine Haut streift, jeder Grashalm, der dich an den Füßen kitzelt. Eine Welt ohne Farben gäbe es nicht, denn selbst Grau ist eine Farbe und eine Welt ohne Farbe wäre das Nichts und das ist, was du siehst. Und doch gibt es die Welt, denn eine Welt ohne Farben gibt es nicht.“

Die Worte waberten zwischen ihnen, doch der Junge blieb erwartungslos. „Aber, was sind denn nun die einzelnen Farben? Man sollte meinen, dass es einfach ist zu erklären, denn wir verbringen unsere Zeit in der Literatur und Kunst mit nichts anderem und doch, wenn die Frage kommt, weiß ein niemand wie zu antworten.“ „Farben sind nicht eindeutig, man sieht selten nur eine Farbe, denn Farben können sich auch vermischen, wie wenn du zwei verschiedene Joghurtsorten nimmst und sie miteinander vermischst, dann entsteht ein neuer Geschmack, geprägt von den anderen beiden. Und diesen neuen Geschmack kannst du dann wieder mit einem anderen Gemisch vermengen und dann kommt wieder etwas Neues heraus, geprägt von dem davor. Das heißt, Farben kann man mischen, aber es gibt drei Grundfarben, die man nicht mischen kann, die sind einfach da und aus denen entstehen alle anderen. Die drei Grundfarben hast du bestimmt schon mal gehört.“ Er sprach: „Ja, habe ich. Sie heißen Rot, Gelb und Blau. Aber was sind diese Farben?“ Verzweiflung schwang in seiner Stimme.

„Rot verleiht seinem Träger Macht und Eindruck. Es ist eine kraftvolle Farbe, die oft mit Gewalt und Stärke verbunden wird. Wenn man Rot trägt, dann wirkt man unterbewusst temperamentvoll, selbstsicher und willensstark, aber auch aggressiv. Rot gilt in der Historie als eine Kriegsfarbe. Aber Rot ist auch die Farbe der Liebe. Rot ist auch Wärme und Geborgenheit, Lust und Verlangen. Rot prägt sich in unsere Sicht ein“, beschrieb sie die erste Farbe. Seine Gesichtszüge schienen weicher zu werden. „Und Gelb?“, fragte er. „Gelb verbindet man oft mit Licht. Wenn man ein Bild zeichnet, zeichnet man die Sonne oft gelb, weil sie genauso warm und grell ist wie die Sonne, denn Sonne ist die Grundlage für alles, der Inbegriff der Gegenteile. Nachts ist die Welt still und leise, tagsüber ist sie belebt und aufgeweckt, das macht das Licht, welches die Welt gelblich färbt. Also in den Farben der Natur wirst du immer Gelb finden. Gelb ist auch genauso sauer wie eine Zitrone. Gelb spricht für Leben und lebendig sein, und dazu gehört auch, dass man mal sauer und stechend ist.“ Er grinste: „Gefällt mir, freche Farbe!“

„Blau ist genauso einprägsam wie Rot, nur ausgewogener und sanftmütiger, aber kann von einem Moment zum anderen umschlagen und zu einer kräftigen und bedrohlichen Flutwelle werden. Blau ist gedämpfter und zurückhaltender als Rot, aber sie gehören zusammen wie Feuer und Wasser und das Ironische dabei ist, dass diese Elemente, welche perfekt zu der Farbe passen, tatsächlich diese Farben in unseren Augen haben. Blau verkörpert die Wogen des Lebens und seiner Gemüter. Aus diesen drei Farben entstehen andere Farben mit neuen Eigenschaften, behalten allerdings immer noch einen Teil ihrer Erschaffer. Orange zum Beispiel besteht aus Gelb und Rot. Einer sauren Grellen und einer warmen Temperamentvollen. Sie hat etwas vom feurigen Rot, aber bei weitem nicht so stark. Grün dagegen ist eine Kombination der Farben Gelb und Blau, welche perfekt die Wellen der Meere und Strahlen der Sonne verkörpert, zum Wunder der friedlichen Natur. Durch den leichten, dunklen Stich des Blaus, verleiht es der Farbe etwas Tückisches. Und Lila ist die Mischung aus Rot und Blau. Genauso elegant wie das Wasser, aber so scharf wie das Feuer.“ Bei dem Satz musste er schallend loslachen. „Und gibt es noch mehr Farben?“, erkundigte er sich begeistert. „Ja! Viel mehr, mehr als ich überhaupt kenne.“ Die farblosen Augen schimmerten bei diesen Worten. „Ich will alle kennenlernen“, bestimmte er.

Nun war die Lehrerin gezwungen, wieder zu Wort zu kommen. Sie schritt auf sie zu und unterband die weiteren Ausführungen nur widerwillig. Beim Hinausgehen drehte der blinde Junge sich ein letztes Mal zu der Schülerin um und fragte: „Welche Farbe hat mein T-Shirt?“ „Rot“, kam die Antwort. „Und deines?“, wollte er wissen. „Blau“, gab sie zur Antwort.

Mit einem Schimmern in den Augen und einem Lächeln auf den Lippen verließ er den Raum.