Von M.K. (8c)
Und da stand ich. Alles wirkte intensiver. Das grelle Licht, der stechende Geruch von Desinfektionsmittel, die quietschenden Schuhe der Ärzte und die Krankenschwestern, die mit Medikamenten an mir vorbeihuschten. Und ich dazwischen, irgendwie, aber auch irgendwie nicht. Mein Herz pochte wie eine Waffe, die immer wieder schoss. Mir kamen die Tränen, aber nein, dachte ich, nicht jetzt, nicht hier.
Ich versuchte zu laufen, aber meine Beine waren so schwer wie Blei. Ich erkämpfte mir jeden Schritt vorwärts, bis ich die Zimmernummer sah. Ich klopfte und öffnete die Tür. Meine Lunge war kurz vorm Kollabieren, durch die acht Stockwerke und den kaputten Fahrstuhl. Aber die Angst, die war schmerzhafter als alles. Bin ich zu spät? Hat der Stau im Taxi alles gekostet, was ich wollte? Ihn das letzte Mal sehen?
Irgendwie hatte ich Angst vor der Angst. Aber zum Glück war es noch nicht so weit, der Anblick war jedoch genauso grauenhaft. Da lag er im Bett, an Schläuchen angeschlossen. Er sah aus wie ein Skelett mit Haut drüber. Seine Mundwinkel verrieten mir, dass er unter Schmerzen litt. Ich trat weiter in den Raum, damit er mich ganz sehen konnte. Es entstand ein Lächeln.
„Hi, wie geht’s?“, fragte er. Das fragte er mich? Warum war es ihm wichtig, wie es mir geht, wenn er fast im Sterben lag? „Ist ok“, antwortete ich, „die Ärzte haben gesagt, dass sie dir nicht mehr helfen können, Papa.“ Das auszusprechen war schwer, aber ich musste es sagen. Die Tränen schossen mir erneut in die Augen, jedoch konnte ich sie nicht mehr zurückhalten. „Was für eine Überraschung!“, die Ironie in der Stimme meines Vaters war kaum zu überhören. „Weißt du nicht, dass ich Krebs habe? Das haben sie mir schon vor drei Jahren gesagt, dass es nicht mehr lang dauern wird.“ „Aber jetzt geht es dir schlechter, schlechter als je zuvor. Schlechter, als du es zugeben willst. Ich weiß, dass du Schmerzen hast, aber du willst es nicht zeigen“, meine Stimme brach und meine Hand begann zu zittern. „Ich weiß, dass ich nicht mehr viel Zeit mit dir habe.“ „Ach, lass das jetzt. Ich weiß, aber was soll ich machen? Weinen? Schreien?“ Seine Antwort war kalt, aber ich wusste, was er meint. Was bringt es ihm? Es wird nichts an der Tatsache ändern.
Es entstand eine Stille, die nur durch das Piepen des EKGs unterbrochen wurde. Ich dachte über alles nach. Die letzten Jahre, die Zukunft, was soll ich jetzt machen? Weinen oder akzeptieren? Die Tränen liefen über meine Wangen, als würde ein Fluss hinunterfließen. Ich konnte nicht zusammenbrechen, sonst würde er sich Sorgen machen. Das wollte ich nicht. Ich wollte, dass er stolz auf mich ist, gute Erinnerungen an mich hat und weiß, wie sehr ich ihn liebe.
„Es wird alles gut.“, sagte er, „hör immer auf Mama, okay?“ Ich konnte nicht mehr antworten. Die Tränen entwickelten sich zu einem Schluchzen, bei dem man fast keine Luft mehr bekommt. Ich nahm seine Hand und drückte sie fest, als könnte ich ihn für immer festhalten. „Was soll ich ohne dich tun, Papa? Was soll ich machen? Ich habe Angst, dich zu verlieren.“ Vielleicht wollte ich keine Antwort, sondern nur seine Stimme hören, um kurz zu vergessen, dass ich das bald nicht mehr konnte. „Du bist mein Kind, also kannst du das. Du hast meine Gene, vergessen? Außerdem bin ich immer hier“, sagte er, während er auf mein Herz zeigte. Es tröstete, aber wie sehr? „Früher oder später würde ich eh sterben und wenn es in 20 Jahren wäre.“ War das wirklich ernst gemeint? Er sagte es mit so einem Lachen, dass deutungslos schien. Mein erster Gedanke war: mehr Zeit. Ich hätte mehr Zeit gehabt. Ich hätte mit ihm frühstücken können, ihm meine Fotos zeigen und ihm jeden Tag sagen, wie sehr ich ihn liebe. Aber dieses Fass wollte ich jetzt nicht öffnen. Gib ihm einfach recht, auch wenn es Angst macht. Es ist egal. „Ich weiß“, murmelte ich, „ich hätte nur noch gerne mehr Zeit mit dir.“ „Glaubst du, ich nicht? Ich liebe dich über alles, genauso wie deine Geschwister und deine Mutter. Aber so ist das Leben halt. Irgendwann wirst du es verstehen.“ Die Frage ist wohl eher, ob ich es verstehen will. Ich holte mein Handy raus, ging auf meine Aufnahme-App und drückte Start.
Wir unterhielten uns noch eine Weile, aber dann wollte er schlafen. „Hab dich lieb“, sagte ich und stand von der Kante des Bettes auf. „Ich dich auch“, antwortete er. Ich ging aus dem Zimmer und schloss die Tür. Ich nahm mein Handy, machte es an und wollte ein Taxi rufen, aber dann sah ich, dass die Aufnahme lief. Ich hab’s auf Band, dachte ich und mir kam ein Lächeln ins Gesicht, trotz meiner immer noch geschwollenen Augen. Ich begann nachzudenken. Vielleicht wird er gehen müssen, aber das hält ihn immer bei mir. Immer in meinem Herzen. Mein täglicher Begleiter wird wahrscheinlich auch die Angst sein, irgendwo, irgendwie in meinem Kopf. Die Angst, meine zwölf Lebensjahre nicht genug genutzt zu haben, die Angst, jemanden zu verlieren, genau wie ihn. Ich denke, die Angst wird immer da sein. Immer bei mir.